Stadtentwicklung als Bühnenstoff

07.05.2018  |  Thema »Hoyerswerda

Das Ringen von Teilen der Hoyerswerdaer Bürgerschaft um Mitbestimmung eignet sich als Tanztheater-Stück

Seit einiger Zeit wühle ich mich durch interessante Broschüren über Hoyerswerdas jüngste Geschichte. Das mache ich, weil ich zum Team vom Tanzveteran Dirk Lienig gehöre, der jetzt mit etwa 100 Leuten der Kufa-Tanzkompagnie, dem Bürgerchor und der Theatergruppe „einmaldiewoche“ ein neues Projekt auf die Beine stellt. Es wird am ersten Juni-Wochenende im ehemaligen Centrum-Warenhaus aufgeführt wird und trägt den Titel: „Eine Stadt tanzt: Manifest!“ Lienig wollte sich an ein getanztes Bürger-Manifest wagen. Ich sagte ihm, dass die Stadt sowas ähnliches schon habe –  ein Leitbild und ein Handlungsprogramm, das allerdings vermutlich kaum jemand kennt. Aber vielleicht ließe sich daraus was machen, ehe wir das Fahrrad neu erfinden. Gesagt, getan.

Wie ein Jagdhund schnüffle ich seitdem in Hoyerswerda zum Thema Bürgerbeteiligung nach tanzdramatischem Potenzial und schlage ständig an. So in der Broschüre „Superumbau Ost – Superumbau Hoyerswerda“, die auf der Grundlage von Tagungen aus dem Jahre 2001/02 entstand. Die Sächsische Akademie der Künste hatte damals ihre Sektion „Baukunst“ zusammengetrommelt und diskutierte über die Perspektiven von Hoyerswerda.

Hier stoße ich auf interessante Rede-Passagen: „Wolfgang Hänsch: Unabhängig von den Anregungen aus unserem Kreis scheinen mir die wesentlichen Vorschläge aber von den Hoyerswerdaern selbst zu kommen. Ich habe den Eindruck, dass in Hoyerswerda ein Organisationsdefizit besteht, dass diese interessanten Gedanken zur Entwicklung eines Leitbildes nicht aufnimmt und organisiert. (…) Aber wer organisiert das? … das Land Sachsen hat kein Interesse. Das müssen die Hoyerswerdaer selbst in die Hand nehmen. (…) Axel Schultes: Was sollen wir als Akademie der Stadt für Empfehlungen geben, wenn wir uns nicht an den Menschen orientieren, die hier leben? (…) Dass die Stadt das Vordenken nicht übernehmen will… kann ich nicht begreifen. Da ist etwas faul im Staate Hoyerswerda.“

In einem anderen Dokument lese ich, wie sich Mitglieder einer Bürgerinitiative äußern: „Wir haben kein Echo gefunden bei der Stadtverwaltung (…) Wir haben immer wieder versucht mit denen ins Gespräch zu kommen. Aber die haben es nicht ein einziges Mal (mit uns) versucht. Freilich sind wir dann auch immer hingegangen und haben ein bisschen geschimpft (…) Wir waren aber auch frustriert.“ Ein starker, fast tragischer Konflikt zwischen der Stadtpolitik und einer Bürgerinitiative. Aber es kommt noch besser! „Die Verwaltung und der Stadtrat (haben) das als Einmischen gesehen und diese Bürgerbeteiligung… gar nicht gewollt!“

Dann lese ich, was sich die Leute von der Bürgerinitiative anhören mussten: „Oh Gott, was kommen da schon wieder für Vorschläge? Was wollen die schon wieder? Warum lassen die uns nicht unsere Arbeit machen? Ständig wird man hier kritisiert! Seid Ihr verrückt, wie geht Ihr denn mit uns um? Wir machen hier unsere Arbeit, und Ihr macht uns nur runter, Ihr Nestbeschmutzer!“ Da flogen offensichtlich die Fetzen. Und irgendwann flog gar nichts mehr. Beleidigtes Schweigen und Verhungern-Lassen am langen Arm? Eine „toxische Beziehung“ sagt die Psychologie dazu. Innerhalb der Stadt. Zwischen Stadtpolitik und Teilen der aktiven Bürgerschaft. Damals. Dann lese ich: „Wir haben uns aufgelöst, im November 2007, weil wir gesehen haben, dass das alles keinen Sinn mehr machte.“

Neun Jahre später strande ich in Hoyerswerda, mitten hinein in den nächsten Versuch städtischer Selbst-Sortierung. Ich erfahre von einem kleinen „Aufstand“ der Bürger im April 2015. Die Stadtverwaltung hatte zu einer Bürgerversammlung zum Thema Stadtentwicklungskonzept (SeKo) geladen, auf der sich der Bürgerunmut entlud. Ich schaue auf YouTube die Elsterwelle TV-Beiträge durch und werde fündig! Im Beitrag „Abrissdiskussion in Hoyerswerda“ sehe ich unseren Oberbürgermeister auf seinem Stuhl festgenagelt vor einer erregten Bürgermenge. Was für ein tolles Dokument! Und tatsächlich passierte dann etwas! Die Stadtverwaltung lenkte ein und baute 2016/17 das „Organisationsdefizit“ hinsichtlich der Bürgerbeteiligung ab. Das Verhältnis von Stadtverwaltung und Bürgerschaft entgiftete sich. Zahlreiche Bürgerversammlungen finden statt. Das 2011 extern beauftragte Leitbild wird zur Überarbeitung an die Bürger freigegeben. Im Mai 2017 segnen die Stadträte das bürgerbeteiligte Leitbild mehrheitlich ab. Im Herbst winken Sie das dazugehörige Handlungskonzept durch. Das ist jetzt fünf Monate her… Ende 1. Akt!

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 28.04./29.04.18)


Eine Frage der Distanz?

31.03.2018  |  Thema »Hoyerswerda

Oft bedeutet der Verlust eines Arbeitsplatzes auch einen Verlust für die Stadt Hoyerswerda

Nun hat es ihn erwischt. Ich könnte k…tzen. Sein befristeter Arbeitsvertrag wurde nicht verlängert. Die Gefahr besteht, dass M. weggeht, Hoyerswerda verlässt. Wieder einer weg? Er erzählt und nebenbei machen wir eine große Flasche Eierlikör nieder. Ich schreibe das hier, weil ich aufgewühlt bin. M. weiß davon nichts.

M. ist ist 27 jung, hat einmal  den Beruf des Mediengestalters gelernt. Nach der Ausbildung verbrennt er in einer Firma, die Franchising-Produkte vertickt: Zauberstäbe, Tassen aus der Harry-Potter-Welt. Lichtschwerte aus „Star Wars“, Elfenohren aus „Herr der Ringe“. Er zeigte mir auf YouTube Filme, die er für die Firma drehte und schnitt. Urkomisch! Das Produktmarketing trieb er dabei durch ungestüme Selbstironie und Zitaten-Irrsinn auf die Spitze. Welch ein köstliches Nonsen-Filmgenre! Ich erinnere mich daran, dass er mir vor drei Jahren das Ohr abkaute, wie sinnlos und frustrierend diese Arbeit auf Dauer sei. Von  mir selbst vor die Kamera gesetzt, sagt er damals: „Was einen das alles durchhalten lässt ist halt dieser Sicherheitsgedanke, der uns schon in der Schule und durch die Eltern eingetrichtert wurde.“

Weil er nach dem Abitur am Foucault-Gymnasium ein ganzes Jahr auf seine Ausbildung als Mediengestalter warten musste, machte er damals ein Freiwilliges Soziales Jahr im Hoyerswerdaer Förderzentrum für Körperbehinderte, der Dr.-Friedrich-Wolf-Schule. Dieses Jahr hatte ihn danach so sehr verändert, dass er daran dachte, die Ausbildung zum Mediengestalter ganz abzublasen. Weil er es später nicht mehr aushält mit den Tassen und Zauberstäben, schaut er sich um. In Bayern könnte er bei der Bundeswehr anfangen: Lehrfilme über moderne Waffentechnik. Raus aus Hoyerswerda, rein in die Welt der modernen Jedis! Macht er nicht. Doch plötzlich findet er dieseen Job bei den Werkstätten für behinderte Menschen.

Seine Aufgaben dort ist die medizinische Betreuung einzelner Klienten sowie Organisationskram. Er gibt Tabletten aus, setzt Spritzen. Organisiert Bildungsfahrten:Wolfswanderung, Müllverbrennungsanlage, F-60-Brücke. M. verantwortet den Fasching oder auch das Sommerfest. Mit den betreuten Mitarbeitern macht er Filme, die auf dem 7-Minuten-Filmfestival der Hoyerswerdaer Kulturfabrik Publikum wie auch Jury begeistern. Er gibt Kurse, manchmal nur mit einer Lektion Vorsprung, lässt sich vom eigenen Wissenshunger jagen: ein Gebärdenkurs, eine Kurs-Reihe zu Selbstachtung und Selbstvertrauen, die voll einschlägt. Er baut ein Archiv auf zu den Bilddokumenten von 25 Jahren Werkstatt, chronologisiert und verschlagwortet. Er sprüht vor Energie und Ideen, die ihm nicht ausgehen.

Vier Monate vor letztlichen der Nicht-Verlängerung seines Vertrages wird M. als Vertrauensperson in den Werkstattrat gewählt, die Interessenvertretung von immerhin knapp 400 betreuten Mitarbeitern. Er kniet sich rein, er stellt Fragen, er entdeckt ungenutzte Rechte, sitzt schließlich wohl zwischen den Stühlen – hier die betreuten Mitarbeiter, da das Profi-Personal. Die Konflikte drehen sich um die Kernfrage des Inklusionsthemas: Wie viel Empathie darf man den betreuten Mitarbeitern gegenüber entwickeln? Wo verläuft die Grenzlinie zwischen Selbstermächtigung und Entmündigung? Ein für ihn unsichtbarer Konflikt mit der Geschäftsleitung bricht aus. Jetzt ist er also raus. Ihm fehle professionelle Distanz zu den betreuten Mitarbeitern ist die Begründung. „Du hast zu viel Wirbel gemacht“, sagen die Kollegen, aber sie intervenieren nicht. M. kommentiert: „Manche sagten: ‚Du hast hier viel frischen Wind gebracht! Aber jetzt mach bitte mal das Fenster zu. Es zieht.’“

„Sie sind noch jung! Machen Sie eine Weiterbildung“, sagt der Chef ihm zum Abschied lakonisch. Natürlich muss man sich keinerlei Sorgen machen, dass M. „untergehen“ könnte. Sorgen muss man sich, dass er nun weggeht, dass er Hoyerswerda verloren geht! Denn er hat auch in seiner Freizeit viel gewirbelt: Video-Kurse in der Kunst- und Musikschule Bischof gegeben, Hoyerswerdaern als Cutter und Kameramann bei ihren Projekten geholfen. Als Frontsänger einer Rock-Band ist er der letzte von einst fünf Hoyerswerdaern. Gerade versucht er eine CD zu produzieren, die „Hoyerswerdaer Platte“. Die Idee: Ein dutzend Stadt-Bands spielen Songs über Hoyerswerda ein.

Fast bin ich geneigt den Artenschutz für die Jobs der unter 35jährige in der Stadt auszurufen! Mindestens aber öffentlichen Einspruch soll es geben, verbunden mit einer Mediations-Möglichkeit. Ich flehe also: Liebe Leitung der Lausitzer Werkstätten, ist das wirklich so eine gute Idee, M. einfach ziehen zu lassen? Kann man das Problem „mangelnder professioneller Distanz“ nicht auch auf andere Art lösen als gleich mit maximaler Distanz – mit dem Entzug des Arbeitsplatzes?

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 31.03./01.04.18)


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