Ohrenbetäubende Stille im Stadtrat

02.11.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Wer Themen setzt, ist auf der Siegerstraße. Vielleicht sollten wir daher mehr über die Zukunft von Hoyerswerda sprechen.

Schnee von gestern? Ich muss noch mal auf die Bundestagswahl im September zurückkommen! Zwei Tage nach der Wahl sitze ich in der Hoyerswerdaer Stadtratsversammlung. Hingegangen war ich eigentlich, weil ich erfahren hatte, dass die Stadträte über das Handlungsprogramm zum Stadtleitbild abstimmen wollten. Euphorisch-metaphorisch hatte ich in meiner Juli-Kolumne verkündet, dass dies der Amboss werden könne, auf dem die Zukunft der Stadt geschmiedet wird. Der Amboss zum „Hammer“ – wie ich das Leitbild „Hoyerswerda 2030“ benannte – mit nicht minder großmäuliger Euphorie.

Man könnte auch schlicht „naiv“ sagen, wie mein hartgesottener Redakteur mir spöttisch die „Amboss-Hammer“-Benennung durchgehen ließ. Na schön, so saß ich also erwartungsvoll, Hummeln im Hintern, acht Tagesordnungspunkte noch vor mir. Da meldet sich ein gut aussehender und noch besser frisierter, jüngerer Bürger beim Tagesordnungspunkt Bürgerfragen und stellte eine bärbeißige Frage, eingebettet in eine grimmige Vorrede. Ich schätzte ihn in seinen 30ern. Er verdarb mir gründlich die Stimmung. Als er sich erhob, schien der Oberbürgermeister irgendetwas zu ahnen, denn er fragte: „Sind Sie Bürger dieser Stadt?“ „Jaja, ich wohne in der Altstadt.“ Und dann legte der junge Mann los: „Am Sonntag ist eine rassistische Partei in den Bundestag eingezogen. Was will die Stadt tun, damit diese Leute nicht nach der nächsten Kommunalwahl den Stadtrat mit über 30 Prozent besetzen?“

Es war ohrenbetäubend leise im Saal. Kein Beifall, das Publikum totenstill, die Stadträte schwiegen. Was der Bürgermeister entgegnete, habe ich vergessen. Ich gebe zu: Ich hätte auch nichts zu sagen vermocht, außer übliche Stereotype abzusondern. Das Volk hat gesprochen, so ist das eben. In Rekordzeit arbeiteten die Stadträte ihre Tagesordnungspunkte durch. Eine Stunde, 15 Minuten. Gut vorbereitet? Routine? Lustlosigkeit? Ich dachte zurück an den lokalen Wahlkampf: „Besser ein guter Polizist in Hoyerswerda als ein lausiger Politiker in Berlin“, scherzte mein böser Redakteur. Ein Freund rief angesichts der dicht gepflasterten Wahlplakat-Straßen spontan aus: „Patronen-Hilse!“ Zur Ehrenverteidigung muss man erwähnen, dass unser weltoffenes TAGEBLATT unseren neuen Bundestagsabgeordneten Karsten Hilse (AfD) mit der Überschrift „Ich bin kein Nationalist“ porträtierte.

Um zu verstehen, was passiert ist, klammere ich mich an das, was mein Dramaturgen-Kollege Thomas Oberender in seinem Zeit-Artikel „Die Mauer ist nicht gefallen“ schrieb: „Der Wahlkampf wurde 2017 nicht durch Debatten über Gerechtigkeit gewonnen, sondern mit Fragen nach unserer Kultur und Identität. […] Die Partei mit dem größten Wählerzuwachs (ist) genau jene, die wiederum ins Alte führt, aber ihre Stimmen überwiegend jenen verdankt, die nicht das Programm der AfD unterstützen, sondern der Rache an den «Etablierten» Ausdruck verleihen. Sie sind der Statistik nach mehrheitlich nicht überzeugt rechtsnational, somit ist es die Chance […] der demokratischen Parteien, diese Wähler zurückzugewinnen …“ Er trifft für mich den Nagel auf den Kopf, wenn er ergänzt: „Auch, wenn der materielle Wohlstand zunahm, entstand bei Teilen der sich abgehängt fühlenden Ostdeutschen ein Gefühl von Verlust und Entwertung der eigenen Lebensgeschichte. Sie sind nicht einmal mehr ein Problem, man übersieht sie wie das Personal im Hotel.“ Nun hat das Personal zugeschlagen, an der vermeintlich einzig wirkungsvollen Adresse demokratischer Teilhabe, der Wahlurne.

Dem jungen Störenfried aus dem Stadtrat bin ich irgendwie doch dankbar für seinen Tritt auf die Bremse. Ich bin nicht sicher, was man Ernstzunehmendes machen kann. Ich weiß nur, ich mag das nationale Gesabbel nicht. Das Gelaber über „verwöhnte Paschas“, die dröge Debatte darüber, was „die“ vermeintlich alles so kriegen, und was es für „uns“ und unsere Kinder angeblich nicht gibt… Als würde es mehr geben, wenn die Flüchtlinge nicht da wären. Sie sind die falsche Adresse.

Doch! Jetzt fällt mir ein, was ich meinem Störenfried antworten könnte: Die Mehrheit bekommt, wer bestimmt, worüber gesprochen wird. Reden wir also mehr über das lokale Leitbild, zu dessen Handlungsprogramm ich ja eigentlich berichten wollte. Sich darauf konzentrieren, was man beeinflussen kann, und sich für konkrete Projekte einsetzen, die einen persönlich überzeugen, und mit diesem (unbekannten) Dokument richtig Dampf machen! Ein deutsch-nationales Angstpapier ist es nämlich nicht. Es heißt: „Hoyerswerda 2030 – für eine solidarische, selbstbewusste und weltoffene Heimatstadt“.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 20./21.10.17)


Ein sauberes Bett ist viel wert

02.10.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Aus den Gewalttagen des Herbstes 1991 in Hoyerswerda lässt sich einiges lernen – auch für die Bundestagswahl morgen.

Es ist die Woche, in der „es“ vor 26 Jahren passierte – hier in Hoyerswerda. Ich komme als Neuling irgendwie nicht drum herum, mal etwas dazu aufzuschreiben. Auch weil wir morgen wählen. Ich fange mit Entlegenem an: Langsam dämmert mir, welche Bedeutung das Gaskombinat Schwarze Pumpe für die Stadt hatte, der „volkseigene“ Superkonzern, von dessen Mitarbeitern hier circa 15 000 lebten. Was für eine Anballung von Arbeitskräften!

Die Menschenansammlung vergrößert sich erheblich, wenn man Partner und Kinder der Belegschaft dazuzählt und man darf sie sich noch vergrößerter vorstellen, wenn man Strukturen und Personal dazurechnet, die diesen produktiven Glutkern der Region umgaben: Schulen, Versorgungs-, Freizeit-, Kultur-, Gesundheits-Einrichtungen. All das, damit der Glutkern sich physisch Tag für Tag erholen und „reproduzieren“ konnte. Jedes Jahr, erzählte man mir, wurden zwischen Stadt und Kombinat Kommunalverträge ausgehandelt, in denen es um soziale Leistungen ging, die Pumpe für Hoyerswerda erbrachte. Irgendwie eine faszinierende Vorstellung: Ein Unternehmen leistete eine direkte „Wertschöpfungsabgabe“ an jene Stadt, die seine Wertschöpfungsarbeiter beherbergte und versorgte! Anders ist es heute, wo die Kanäle einer solchen Umverteilung undurchschaubarer geworden sind …

Und dann 1989/90 – wir nähern uns dem Punkt, um den es mir geht – der Zusammenbruch der DDR. Die demokratische Abwahl ihres ökonomischen Systems durch den DDR-Bürger selbst, per mehrheitlicher Zustimmung für das bundesdeutsche, kapitalorientierte Marktsystem. Eines der Wahlergebnisse: Das Superunternehmen Pumpe wird ins Haifischbecken des Marktes gestoßen und ungeschützt filetiert. Der so wichtige Zusammenhang zwischen den in Pumpe erzeugten wirtschaftlichen Gewinnen und ihrer Ummünzung in lokalen, sozialen Reichtum zerreißt, diese Gewinne fließen nun in andere Töpfe. Schaut man genau hin, ist der Filetierungsprozess von Pumpe eine Gruselgeschichte. Sie gleicht einem Shakespeare-Drama.

Schließlich kommt es 1991 zum dramatischen Höhepunkt, als – nun sind wir beim Punkt – diese schrecklichen Septembertage ausbrechen und damit auch die größte und nachhaltigste „Marketingkampagne“ ausgelöst wird, die Hoyerswerda je erlebte. Mitten hinein in den ungeheuerlichen ökonomischen Filetierungs- und Abwicklungsprozess von Pumpe explodiert der Kessel an einer Stelle der Stadt. Und statt dass die sozialen Verlierer dieses Prozesses sich vereinen, spalten sie sich auf. Zwei Gruppen der Bürgerschaft stehen sich gegenüber: teils langjährige Vertragsarbeiter und Einheimische. Zugleich betritt eine neue Gestalt die politische Bühne: der biodeutsche „Wutbürger“, der einen Schuldigen für seine Situation ausgemacht hat und sich an ihm auslässt, am Ausländer.

Jene Art Bürger kann man übrigens gut in Hans Magnus Enzensbergers Büchlein „Schreckens Männer – Versuch über den radikalen Verlierer“ studieren. Oder man tut das mit der Internetdokumentation „Hoyerswerda-1991.de„, die mithilfe von jungen Leuten aus Hoyerswerda entstand. Sie waren 1991 Kinder oder noch gar nicht geboren und fanden 20 Jahre später keine Antworten auf ihre Fragen nach dem „ominösen“ Pogrom. Die Website ist eine Dokumenten-Schatztruhe, die die Hoyerswerdaer selbst weiter füllen könnten – auch mit Dokumenten der Veränderung. Irritierend, dass der QR-Code der Seite auf dem Mahnmal im Stadtzentrum fehlt. Und der Wutbürger von 1991? Ist heute 26 Jahre älter …

Nun gehen wir also wählen. Mein pessimistischer Redakteur sagt mir voraus, dass die Alternative des „Nationalen“ wieder enorm zieht. Und ich dachte immer, die meisten Leute kümmern sich nicht um nationale Identität, sondern um ihre eigene und die der Leute, die ihnen nahestehen. Gibt es ohnehin nicht nur eine einzige Nationalität? Die Nationalität Mensch? Kurz: Der Spalt zwischen „einheimischen“ Bürgergruppen und von „draußen“ Kommenden scheint wieder weit geöffnet. Als wäre der Kernkonflikt der Verteilungskampf zwischen Deutsch und Nichtdeutsch, und nicht der zwischen Superreich und Arm. Ich muss an Alan Moore denken, den Comic-Autor von „V wie Vendetta“. Er litt sehr an der „nationalen Wende“, die zum Brexit führte und meinte (Achtung, es wird vulgär!): „Eine Protestwahl zu machen ist, als ob man eine Nacht in einem Hotel verbringt, einem das Zimmer nicht gefällt und man aus Protest ins Bett kackt – nur um festzustellen, dass man in einem vollgekackten Bett schlafen muss.“ Dann schnuppere ich mal am Montag, wenn ich zur Therapie hinke, wonach es in meiner neuen Heimatstadt riecht…

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 23./24.09.17)


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