So knackig wie bei „Dirty Harry“

26.06.2017  |  Thema »Bücher & Stories

Am Dienstag wird das Leitbild Hoyerswerdas diskutiert – nicht zum ersten Mal dieser Tage.

Am Ende zucke ich zusammen: „kein Zeitungsbericht darüber! Sie sprachen, dass man behutsam vorgehen müsse. „Wir wissen doch wie das in der Stadt mit den Befindlichkeiten ist.“ Da bin ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – und soll nun darüber schweigen? Fünf Frauen und zehn Männer in einem Ladenbüro. Dicht gedrängt an zusammen geschobenen Tischen. Von Mittag bis zum Sandmännchen. Sieben Stunden. Zuhören. Sich gegenseitig informieren. Nachfragen. Widersprechen. Fokussieren. Sich einigen. Am Anfang Kartoffelsalat, Wiener Würstchen, Apfelschorle und Wasser. Später Kaffee, Kuchen, Kekse.

Wussten Sie, dass es eine „Nachrichtenwert-Theorie“ gibt? Als ich prüfen wollte, ob das, was ich da erlebt hatte Nachrichtenwert hat, sprich: „öffentliche Relevanz“, stoße ich auf zehn Kriterien: Neuigkeit, Nähe, Tragweite, Prominenz, Dramatik, Kuriosität, Konflikt, Sex, Gefühle, Fortschritt. Neun von zehn Kriterien trafen zu. Ich hatte einen Volltreffer an Nachrichtenwert gelandet! Aber wie schreibe ich über etwas, über das zu schreiben nicht erwünscht ist. Ich könnte ganz allgemein darüber schreiben, keine Details preisgeben, die Namen der Beteiligten weglassen und Vermutungen anstellen über das Schweigegelübde. Oder ich könnte über den „großen Zusammenhang“ schreiben. Doch dazu muss ich ein anderes Ereignis vorwegschicken. Also Rückblende:

„Zehn Meter bis zum Fahrstuhl. dann fährst du in den zweiten Stock und dann noch mal zwanzig Meter.Den Rollstuhl trage ich dir hoch!“, sagt der Kollege, der mich her gefahren hatte. Als ich aussteige, stelle ich verwundert fest, dass das neue Rathaus nicht in der Neustadt steht, wie ich vermutet hatte, sondern auch in der Altstadt. Gott sei dank gibt es rechts ein Geländer, an dem ich mich hochziehen kann. Ich trete ich in den Sitzungssaal. Hier ist also sie, die öffentliche Bürgerversammlung zum Thema: „Das Leitbild Hoyerswerda 2025.“ Hochinteressant für mich als Neubürger. Gut 100 Leute sitzen murmelnd im großzügigen Halbkreis vor einem Podium.Der bärtige Moderator stellt eine halbe Stunde das Leitbild vor, das bereits fünf Jahre alt sein soll und das kaum ein Bürger kennen würde. Der Vortrag ermüdet, nichts, was wirklich packt.

Es liegt nicht am Bärtigen, der gibt sich alle Mühe, sondern am Inhalt, den er zu referieren hat. Bei einem Satz werde ich munter. „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Stark! Doch schien es, als hätten die Autoren des Leitbilds den letzten Teil des Satzes vergessen. Der Moderator resümiert: Das Leitbild zündet nicht. Ich lausche drei Statements von Bürgern. Sie steigern sich in ihrer Schärfe. Das letzte Statement , von einer Frau mit mächtiger Mähne, packt mich. Sie verweist auf einen historischen Strudel, in den die Stadt vor 25 Jahren geriet und seine noch bedrohlichen Sogkräften, die die Stadt sie zu verschlucken drohen, wenn nicht unkonventionell dagegen gesteuert werde. Jetzt bin ich hellwach: Das klingt wie eine heftige Sehnsucht nach einer anderen, umgekrempelten Stadt!

Einen Monat später sitze ich also sieben Stunden zwischen diesen Leuten, die sich versammelt hatten, um diese Sehnsucht wieder zu spüren, nach dem weiten, endlosen Meer. Der Moderator, ein großer eindrucksvoller Mann, hatte Zettel ausgegeben. Jeder sollte zu drei Stadtthemen etwas aufschreiben. Vorderseite: Ist-Zustand, Rückseite: Vision. Ohne viel nachzudenken. Nur einen Eindruck notieren und einen Traum. Einfach naiv benennen, ohne Schere im Kopf. Als sie mit der Diskussion beginnen, legen sie fest: keine Wer-hat-Schuld-Diskussion. Alle spüren die positive Energie im Raum. Wohlwollen, gWertschätzung. Immer wieder diskutieren Sie, was ein Leitbild ausmacht.

Ich denke an Robert McKee und sein Buch „Die Story“, die Bibel der Dramaturgen. McKee erwähnt, dass sich der Drehbuchschreiber des Clint-Eastwood-Kultthrillers „Dirty Harry“ einen kurzen knackigen Leitsatz auf die Schreibmaschine geklebt. hätte, die „controlling idea“. Den „Kontrollsatz, das Leitbild, die Vision des Drehbuches, gültig für die ganze Story, für jeden Akt, für jede Szene: „Die Gerechtigkeit wird hergestellt, weil der Polizist gewälttätiger ist als der Verbrecher.“ Das also suchten sie hier! Den Schlüssel-Satz, den man sich auf die Tastatur klebt, mit der man jede Geschäftsidee, jedes Konzept, jede Beschlussvorlage abgleichenkönnte, ob dadie Vision für Hoyerswerda drinsteckt. Dann könnte Stadtpolitik leichter und verständlicher werden. Mit jeder Stunde kommen sie diesem verdammten Satz näher. Alle spüren es. Aber ich sage nichts. Wegen der Befindlichkeiten in der Stadt.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 19./20.11.16)


Ein Telefonat mit der Berliner Heimat

26.06.2017  |  Thema »Bücher & Stories

Einem Großstädter muss man einen Umzug nach Hoyerswerda wortreich erklären.

„W-o-h-i-n bist du gezogen?“ die Stimme am anderen Ende klingt irgendwie fassungslos . „Nach H-o-y-e-r-s-w-e-r-d-a.“ Das überdeutliche Artikulieren fällt mir noch immer schwer. Spätestens das „A“ ist gelallt. Und der linke Mundwinkel ist auch nicht mehr dicht. Wieder tropft was aufs T-Shirt.

„Warte mal“, höre ich die Stimme am anderen Ende , „ist das nicht die Stadt, die…“ Ich ahne, was jetzt gleich kommt. Ist ja nicht das erste Telefonat mit Berliner Freunden. „Ja, genau d-i-e“, grätsche ich in den Satz hinein. Ich habe keine Lust auf diese fein aufgespießten Klischees über die Stadt, in die ich gerade gezogen bin. Zugegeben, nicht ganz freiwillig. Ich spüre, meine Berliner Freunde bedauern mich doppelt: was mir passiert ist und dass ich hier gestrandet bin. „Naja, in Berlin habe ich in diesem Zustand doch überhaupt keine Chance!“, dröhne ich in den Hörer und starre auf meine linke Hand, die wie ein toter Fisch auf meinem halbtoten linken Bein ihren Dornröschenschlaf schläft. „In Berlin versauere ich allein in meiner Bude. 5 Stock. Kein Fahrstuhl. Ich kann zwar schon wieder Treppen steigen. Aber nur wenn das Geländer rechts ist. Und wie krieg ich den Rollstuhl hoch und runter? Und die Straßenbahn, und die U-Bahn und die S-Bahn… und die vollgekackten Friedrichshainer Bürgersteige?“

Und dann spule ich meinen Pro-Text für Hoyerswerda runter: Kurze Wege. Alle fünfzig Meter läuft dir ein Bekannter über den Weg. Oder du machst alle 100 Meter neue Bekanntschaften. Mit bemitleidenswerten Typen wie mir. Ich guck bei einem Friseur direkt in die Frauenabteilung rein. Freunde haben extra den Schreibtisch am Fenster so gedreht. „Schöne Frauen!“ Spätestens, wenn sie rauskommen. Daneben ein Bäcker mit Draußencafé. Alle Viertelstunde eine Kirchenglocke. „Unterm Fenster hörst die Fußgänger quatschen. Kannst die Dialoge gleich mitschreiben.“ „Aber du hast deine Berliner Wohnung nicht aufgegeben?“„Nei-ein. Untervermietet “, sag ich schnell als wär mir was peinlich. Erleichtertes Aufatmen am anderen Ende. Ich gelte noch bei Verstand. Als würden die mich wirklich vermissen!„Ist das nicht Pegidaland?“ Jetzt ist die Stimme tatsächlich mit einem Klischee durch mein Abwehrbollwerk durchggedrungen. „Ist die Lauuu-sitz, wo ich bin.“ Und habe keine Ahnung, ob das eigentlich einen Unterschied macht. „Die Lauuu-sitz,“, betone ich. Als wäre die Lauuu-sitz was besonderes. So wie das Auenland und die Bewohner knuffig-süße Hobbits.

„Wieso kennst du da eigentlich so viele Leute?“ Ich erzähle vom Kollegen, der mit 70 Laientänzern ein Projekt auf die Bühne brachte und dem ich dabei half. Die Provinz lockt halt mit guten Ideen! Ich roch den Braten: Einkommen für mich freiberuflichen Vagabunden. Ich striezte die Tänzer mit schweren Lebenssinnfragen und freute mich, wenn sie vor der Kamera heulten, ich abgebrühter Arsch. Ich verliebte mich in eine der schönen Tänzerinnen. Meine Berliner Freundin tolerierte die Affäre. Wir Großstädter sind ja sooo libertinär! Die Tänzerin hat es sehr gestört. Und irgendwann knallte es nachts im Kopf. Arbeits- und Beziehungsstress. Und ach ja, da waren noch drei Kinder auf Rügen und der Krieg mit ihrer Mutter. Blut ätzte mir das Motorikzentrum weg. Die schöne Tänzerin rettete mir das Leben. Bis auf das lallende „A“ und das bisschen Gesabber blieb der Kopf halbwegs heil. „Und die Leute, die ich mit meinen Fragen so gequält habe, standen mir auch noch bei. Unglaublich!“

„Ich starte hier mein zweites Leben!“, krakeele ich ins Telefon. „Hier gibts Leute, die sich zu Gruppen zusammenrotten, aus der Not geboren. Die machen Lebenskultur selber. Das sind Kulturproduzenten, nicht so n`e verwöhnten Kulturkonsumenten wie wir Großstadtpauken. Schon mal was von aktiver Bürgerschaft gehört, doziere ich. „Die haben so geblutet hier! Schrumpfung!“, und ich schieße einen Patronengurt Worthülsen runter. „Entweder du schaust den hier beim Sterben zu mit zoologischem Blick. Oder die ziehen sich selbst aus der Scheiße, denn retten kommt die keiner mehr. Könnte ne klassische Heldengeschichte werden. Oder eine herrliche Dystopie. Hier gibt’s Leute die sagen, wir spielen Untergang der Titanic. Wir sind wie der Frosch, der nicht merkt, dass er gerade zu Tode gekocht wird. Und dann gibts ein paar Durchgeknallte, die nehmen den Mund ganz voll: die sprechen von einer Laborsituation, eine Riesenchance. So oder so: spannend! Verstehste, du Boulette? Ich sag mal so: Ich hab ein Diplom im Zuschauen und studier das hier mal eine Zeit lang, verbiete mir eine Meinung, halt mich raus und beschreibe, was ich beobachte. Kapiert?“

(leicht gekürzt veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 22./23.10.16)


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