Ein sauberes Bett ist viel wert

02.10.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Aus den Gewalttagen des Herbstes 1991 in Hoyerswerda lässt sich einiges lernen – auch für die Bundestagswahl morgen.

Es ist die Woche, in der „es“ vor 26 Jahren passierte – hier in Hoyerswerda. Ich komme als Neuling irgendwie nicht drum herum, mal etwas dazu aufzuschreiben. Auch weil wir morgen wählen. Ich fange mit Entlegenem an: Langsam dämmert mir, welche Bedeutung das Gaskombinat Schwarze Pumpe für die Stadt hatte, der „volkseigene“ Superkonzern, von dessen Mitarbeitern hier circa 15 000 lebten. Was für eine Anballung von Arbeitskräften!

Die Menschenansammlung vergrößert sich erheblich, wenn man Partner und Kinder der Belegschaft dazuzählt und man darf sie sich noch vergrößerter vorstellen, wenn man Strukturen und Personal dazurechnet, die diesen produktiven Glutkern der Region umgaben: Schulen, Versorgungs-, Freizeit-, Kultur-, Gesundheits-Einrichtungen. All das, damit der Glutkern sich physisch Tag für Tag erholen und „reproduzieren“ konnte. Jedes Jahr, erzählte man mir, wurden zwischen Stadt und Kombinat Kommunalverträge ausgehandelt, in denen es um soziale Leistungen ging, die Pumpe für Hoyerswerda erbrachte. Irgendwie eine faszinierende Vorstellung: Ein Unternehmen leistete eine direkte „Wertschöpfungsabgabe“ an jene Stadt, die seine Wertschöpfungsarbeiter beherbergte und versorgte! Anders ist es heute, wo die Kanäle einer solchen Umverteilung undurchschaubarer geworden sind …

Und dann 1989/90 – wir nähern uns dem Punkt, um den es mir geht – der Zusammenbruch der DDR. Die demokratische Abwahl ihres ökonomischen Systems durch den DDR-Bürger selbst, per mehrheitlicher Zustimmung für das bundesdeutsche, kapitalorientierte Marktsystem. Eines der Wahlergebnisse: Das Superunternehmen Pumpe wird ins Haifischbecken des Marktes gestoßen und ungeschützt filetiert. Der so wichtige Zusammenhang zwischen den in Pumpe erzeugten wirtschaftlichen Gewinnen und ihrer Ummünzung in lokalen, sozialen Reichtum zerreißt, diese Gewinne fließen nun in andere Töpfe. Schaut man genau hin, ist der Filetierungsprozess von Pumpe eine Gruselgeschichte. Sie gleicht einem Shakespeare-Drama.

Schließlich kommt es 1991 zum dramatischen Höhepunkt, als – nun sind wir beim Punkt – diese schrecklichen Septembertage ausbrechen und damit auch die größte und nachhaltigste „Marketingkampagne“ ausgelöst wird, die Hoyerswerda je erlebte. Mitten hinein in den ungeheuerlichen ökonomischen Filetierungs- und Abwicklungsprozess von Pumpe explodiert der Kessel an einer Stelle der Stadt. Und statt dass die sozialen Verlierer dieses Prozesses sich vereinen, spalten sie sich auf. Zwei Gruppen der Bürgerschaft stehen sich gegenüber: teils langjährige Vertragsarbeiter und Einheimische. Zugleich betritt eine neue Gestalt die politische Bühne: der biodeutsche „Wutbürger“, der einen Schuldigen für seine Situation ausgemacht hat und sich an ihm auslässt, am Ausländer.

Jene Art Bürger kann man übrigens gut in Hans Magnus Enzensbergers Büchlein „Schreckens Männer – Versuch über den radikalen Verlierer“ studieren. Oder man tut das mit der Internetdokumentation „Hoyerswerda-1991.de„, die mithilfe von jungen Leuten aus Hoyerswerda entstand. Sie waren 1991 Kinder oder noch gar nicht geboren und fanden 20 Jahre später keine Antworten auf ihre Fragen nach dem „ominösen“ Pogrom. Die Website ist eine Dokumenten-Schatztruhe, die die Hoyerswerdaer selbst weiter füllen könnten – auch mit Dokumenten der Veränderung. Irritierend, dass der QR-Code der Seite auf dem Mahnmal im Stadtzentrum fehlt. Und der Wutbürger von 1991? Ist heute 26 Jahre älter …

Nun gehen wir also wählen. Mein pessimistischer Redakteur sagt mir voraus, dass die Alternative des „Nationalen“ wieder enorm zieht. Und ich dachte immer, die meisten Leute kümmern sich nicht um nationale Identität, sondern um ihre eigene und die der Leute, die ihnen nahestehen. Gibt es ohnehin nicht nur eine einzige Nationalität? Die Nationalität Mensch? Kurz: Der Spalt zwischen „einheimischen“ Bürgergruppen und von „draußen“ Kommenden scheint wieder weit geöffnet. Als wäre der Kernkonflikt der Verteilungskampf zwischen Deutsch und Nichtdeutsch, und nicht der zwischen Superreich und Arm. Ich muss an Alan Moore denken, den Comic-Autor von „V wie Vendetta“. Er litt sehr an der „nationalen Wende“, die zum Brexit führte und meinte (Achtung, es wird vulgär!): „Eine Protestwahl zu machen ist, als ob man eine Nacht in einem Hotel verbringt, einem das Zimmer nicht gefällt und man aus Protest ins Bett kackt – nur um festzustellen, dass man in einem vollgekackten Bett schlafen muss.“ Dann schnuppere ich mal am Montag, wenn ich zur Therapie hinke, wonach es in meiner neuen Heimatstadt riecht…

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 23./24.09.17)


Was braucht’s für eine Ehrenbürgerschaft?

01.09.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Kecke Findigkeit war einst die Grundlage für Hoyerswerdas heutige Lausitzhalle – ein ziemliches Husarenstück.

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ´wie es denn eigentlich gewesen ist´. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. Die Tradition… belehrt uns darüber, dass der ´Ausnahmezustand´, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht.“ (Walter Benjamin) Dies war in der Juli-Kolumne meine Trompeten-Parole für die bevorstehende 750 Jahrfeier. Ich schulde Ihnen dafür ein Beispiel:

Die  Neustadt 1976: Eine Wohn- und Schlafstadt mit ca. 55.000 Einwohnern. Die Wohnkomplexe haben eigene „Versorgungstrakte“, Gaststätten, Kaufhallen, Parks. Fragmentierte Begegnungsräume für die Bürgerschaft. Seit Jahren wartet eine leere Zentrums-Brache auf Gestaltung, außer einem großen Kaufhaus – nichts. Ich lese von vergeblichen Kämpfen der Stadtväter um ein „bisschen“ Zentrum. Ich lese wie Brigitte Reimann in der Charaktermaske von Franziska Linkerhand am sozialen Sinn einer reinen Wohn- und Schlaf-Stadt Zweifel anmeldet und ihn ausweitet in eine prinzipielle System-Kritik. Es scheint, als ob das Modell der „sozialistischen Idealstadt“ Hoyerswerda zu dieser Zeit längst aufgegeben und verloren war. Könnte man nicht solch einen Zustand, wenn Stadt-Bürgerschaft so reduziert wird durch Ökonomie, nicht einen „Ausnahmezustand“ oder „Augenblick der Gefahr“ nennen? In solchen Umständen tauchen (manchmal) Akteure auf, die Zugang haben zu Macht und Mitteln, die ausgebufft, idealistisch und zäh sind, erstarrte Zustände aufzuschmelzen und ins Fließen zu bringen – im Dienste der Bürgerschaft. Ich stenografiere jetzt mal den „Husaren-Streich“ eines damals 43-jährigen Mannes, heute quasi historischer „Hausgeist“ der Neustadt.

In der Chefetage von Schwarze Pumpe, der ökonomischen Gebärmutter der Neustadt und ihrer Bürgerschaft, wird in den 70-er Jahren die Idee für ein Betriebskulturhaus ausgebrütet. Ein Ort mit Räumen für Bürgergruppen wie Blasorchester, Textilzirkel, Tanzgruppen, Kabarett – zusätzlich mit Bühne und Saal für ungefähr 1000 Zuschauer. Zentraler Begegnungsort für die Bürgerschaft. Sie müssen dazu wissen: In der DDR waren wirtschaftliche Körperschaften wie Schwarze Pumpe gesetzlich in soziale Verantwortung eingebunden. „Pumpe“ war eine der erfolgreichsten (volkseigenen) „Superkonzerne“ der DDR im Energiesektor, ein internationales Schwergewicht mit Top-Management. Und unser Husar und seine Leute nahmen den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Wertschöpfung ihres Unternehmens und sozialem Gewinn für die Belegschafts-Familien in Hoyerswerda sehr, sehr ernst.

Als im Mai 1976 der IX. Parteitag der SED an verbindlichen Planungsbeschlüsse für das Land und seine Regionen arbeitet, nutzt unser Mann waghalsig eine Gelegenheit: Als Mitglied der Redaktions-Kommission, die an den regionalen Beschlussvorlagen arbeitet, schmuggelt er dort einen „harmlosen“ Nebensatz ein: „Zur kulturellen Betreuung ist in Hoyerswerda ein Haus der Berg- und Energiearbeiter zu errichten.“ Zwei Kumpel der staatlichen Plankommission decken diesen Satz, obgleich andere regionale Konkurrenten wie Senftenberg und Cottbus ebenfalls Planungsansprüche anmelden. Der Parteitag winkt den Satz im Paket mit anderen Beschlüssen durch. Die regionale Zentrale in Cottbus kocht.

Wie im Nebenjob arbeitet sich unser Mann zäh durch endlose Hindernisse und Bauunterbrechungen: Mit Elektrik-Dienstleistungen am kaputten Theater befriedet er die Cottbuser Zentrale. Nach längst vorliegenden Bauplänen und mit „Schwarzinvestitionen“ aus dem Pumpe-Haushalt lässt er kurzerhand das Fundament bauen. Dann hilft der „sozialistische Zufall“: Er begegnet einer Brigade von Kühlturm-Bauarbeitern ohne Projekt und lässt sie innerhalb von sechs Wochen das Bühnenhaus errichten. Ein Mahnmal. Keiner wagt das Projekt mehr zu streichen, will eine Bauruine verantworten. Der Mann pokert weiter: Als ihm die kommende Präsidentschaft der internationalen Gasunion (IGU) angetragen wird, „benötigt“ er ein repräsentatives Konferenz- und Bürogebäude. Es wird der Tarnmantel für den Anbau, den er unbedingt für die Volkskunst-Bürgergruppen haben möchte. Er wird genehmigt. Kurz vorm Ziel exportiert man die bestellte Saalbestuhlung für Valuta nach England. Er lässt sie mit eigenen Leuten bauen. 1984 ist der „siebenjährige Krieg“ um den „kleinen Palast der Republik“ gewonnen.

Nun übertragen Sie mal dieses Historienstück auf unsere heutige Gefahren-Situation. Was möchte uns die Geschichte damit zuraunen? Der Husar heißt übrigens Dr. Herbert Richter. Der langjährige Generaldirektor lebt noch. In Cottbus. Ich frag mal so: Was sind die Kriterien für eine Ehrenbürgerschaft – heute und in Zukunft?

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 27./28.08.17)


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