Ein Hoch auf die Frauen

16.03.2018  |  Thema »Hoyerswerda

Hoyerswerda verändert die Einstellung unseres Kolumnisten zu einem Ehrentag im März

Gemocht habe ich den Tag nie. Vielleicht weil ich als Kind von meiner strengen Lehrer-Mutter genötigt wurde zum internationalen Frauentag Geschenke zu basteln. Artig stand ich dann am 8. März mit hochrotem Kopf vor den Frauen meines Kinderlebens und schenkte ihnen bemalte Holzlöffel, Brettchen mit eingebrannten Verzierungen oder expressive Blumentuschgemälde. Eine internationale Frau war nie dabei.

Als ich dann über 20 war und meine Armeezeit überstanden hatte, plagte mich der Tag noch etliche paar Jahre – mit schlechtem Gewissen. Wie einen Weihnachtsmann, der seine Geschenke vergessen hatte. An diesem Tag fiel mir auf, wie viele Frauen es eigentlich gab. Später dann, nach der Wende, war ich mit aufgeklärten Ostfrauen zusammen, die, wie ich genervt von diesem Tag, mich ausgelacht hätten, wenn ich… Zudem schien die befremdliche Westkultur diesen Märztag konsequent zu ignorieren. Als wäre er von der Gastronomie- und Blumenwirtschaft auf zwei neue Frauen-Tage aufgeteilt worden: Auf den Valentins- und den Muttertag. Damit war der 8. März für mich ausgemerzt und ausreichend ersetzt. Für viele Jahre.

Seit ich in Hoyerswerda lebe, ändert sich meine Haltung zu diesem unschuldigen Tag. Ich habe keine Ahnung warum. Vielleicht, weil ich allein lebe und für den Valentinstag über keine Angebetete mehr verfüge. Vielleicht, weil meine Mutter weit weg in Berlin lebt und ich meine Dankbarkeit nicht an einem einzigen Sammeltag abrechnen mag. Dennoch sehe ich mich täglich von Frauen umzingelt, die mir nicht egal sind und die mich irritiert angucken würden, wenn ich ihnen das am Mutter- oder Valentinstag zeigte. Ich habe einigen gegenüber sogar eine merkwürdige Marotte entwickelt. Ich verpasse ihnen Beinamen: Weiße Fee. Dunkle Fee. Hohe Dame. Prinzessin auf der Erbse. Schwarze Domina. Zähe Feldkatze… Neugierig checke ich diesen einst so verpönten Märztag auf seine Brauchbarkeit hin ab.

Nochwas macht mich für diesen Tag wach. Das sind die Geschichten von Frauen, die ich hier aufschnappe und in denen gehäuft Männer eine „toxische“ Rolle spielen: Eine junge Mutter, die ihren Freund verlassen will, weil der sich stoisch wie ein Pascha aus dem Beziehungs- und Familienalltag raus hält. Als sie sich durchringt, auszubrechen, erpresst er sie: Geh! Aber! Die Kinder bleiben bei mir! Als Anwaltsohn schüchterte er sie ein. Oder: die Geschichte eines don-juanesken Ehemannes, der aus devoter Loyalität seiner überängstlichen Ehefrau gegenüber die aufopferungsvolle Freundschaft mit einer Frau verrät, die fast verrückt wird an seinem eiskalt-feigem Verrat. Oder: die Frau, die von einer zweijährigen Affäre ihres Mannes erst erfährt, als dessen verzweifelte, jüngere Geliebte vor der Tür steht. Oder die naive Ehefrau, deren Mann sie in einen neuen Umschuldungskredit auf das Haus lockt, um sie wenig später wie einen alten Schuh vors Haus zu stellen… wegen einer anderen. Oder: die intelligente Mittvierzigerin, die resigniert konstatiert: „Wenigstens der Sex mit ihm ist okay.“ Wie bitte? Haben Sie schon mal den Begriff „toxische Maskulinität“ und seinen raffinierten Spielformen gehört? Sollten Sie in ihr Vokabular aufnehmen!

Ich erlebe natürlich auch „harmlose“ Impressionen mit Frauen in Hoyerswerda. Die saukluge Pastorin, deren Totenrede ich bei einer Beerdigung am liebsten mitgepinselt hätte. Meine stille, schöne Taxifahrerin, die nur abends Schichten fährt. Die Kassiererinnen im Supermarkt, olympische Scan-Meisterinnen, die mir beim Einpacken geduldig helfen. Die zwei vergnügten alten Damen in meinem Haus, die sich abwechselnd zum Mittag einladen. Schöne Frauen, die andere Frauen schön putzen, im Friseurladen gegenüber. Mir fällt die gehäufte Anwesenheit von Frauen in Hoyerswerda bei der Kufa-Tanzkompagnie und beim Bürgerchor auf und ihre gehäufte Abwesenheit – im Stadtparlament. Von derzeit 29 Parlamentariern sind gerade einmal fünf Frauen! Vermutlich ist es ganz einfach mit diesem 8. März: Er mahnt mich, wie viel weibliche Seelen-Wärme ich übers Jahr hier in diesem abgelegenen „Nest“ tanken kann – für die eigene innere Sonne. Vielleicht fange ich deshalb an, diesen Tag zu mögen. Irgendwie.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 10./11.03.18)


Auf dem Weg zur Bürgerkommune?

20.02.2018  |  Thema »Hoyerswerda

Hoyerswerda hat Instrumente zur Beteiligung der Einwohner an politischen Prozessen. Die Frage ist, ob sie ausreichen.

Im Januar habe ich den Ball gegen den Pfosten geschossen als ich von drei resignierten Stimmgruppen zur Lage der Bürgerbeteiligung in Hoyerswerda berichtete und dann trötete: Man sollte vielleicht weniger auf die Bürger schauen, sondern genauer auf das System der Bürgerbeteiligung. Nun liegt der Ball wieder vor meinen Füßen, und zwar samt der Frage: Wie sieht dieses System hier eigentlich aus?

Stochern wir zunächst mal im Begriff herum. Und spüren auf, was in dem Wortpäckchen so drin steckt. Es schwingt „semantisch“ etwas Gönnerhaftes mit, nach dem Motto: „Okay, wir beteiligen mal die Bürger. Aber müssen… müssten wir eigentlich nicht. Geht auch ohne ihn.“ So, als ob  Bürgerbeteiligung nichts Selbstverständliches wäre. So, als wäre der Bürger nicht der eigentliche Souverän der Stadt, sondern Objekt einer „höheren Macht“. Wem aber außer ihm gehört die Stadt? Der Verwaltung? Oder einer kleinen, ominösen Gruppe von Leuten, die arglistig auf dem Hoyerswerd’schen Kutschbock lümmeln und dem Gespann die Richtung weisen? Mit Zügel, Peitsche, Scheuklappen und Hafersack? Aber wer sollte das sein? Mit mehr Wohlwollen kann man im Wort auch eine Not herausspüren. Als wäre „jemand“ angewiesen auf das Mitmachen der Bürger. Angewiesen auf den Brückenschlag zwischen denen, die Hoyerswerda gemeinsam verantworten: die Stadtverwalter und Parlamentarier einerseits und die Wahlbürger andererseits, welche sich davon entlasten, indem sie erstere wahlperiodisch mit der ganzen Malaise beauftragen.

Weiter: Wie sieht die Form der Beteiligung aus? Welches Brücken findet der engagierte Bürger vor? An wen könnte er sich mit seinen „Anliegen“ wenden? Erstens an unsere freundlichen Verwaltungsbürger (z.B. mittels Kontaktformular auf der beträchtlich verbesserten Stadtwebsite). Zweitens an jeden einzelnen der 30 gewählten, emsigen Stadt-Parlamentarier. Drittens an die lokalen Parteien und Vereinigungen. Viertens an die Versammlung aller Stadt-Parlamentarier, also die Stadtratssitzung. Fünftens an die parlamentarischen Fachausschüsse, zurzeit gibt es neun davon. Sechstens an die vier städtischen Beiräte, also Seniorenbeirat, Behindertenbeirat, Beirat für sorbische Angelegenheiten, Jugendstadtrat). Oder seitens an die Zusammenkünfte der Ortschafsräte. Das System scheint üppig, aber ist es auch erfolgversprechend?

Unser kollektives Internetlexikon beschreibt„Bürgerbeteiligung“ umgekehrt, und zwar aus der Sicht der Verwalter und Parlamentarier. Es heißt da: Sie sei ein Spektrum von „Verfahren mit wachsender Einflussnahme der Bürgerschaft.“ Fünf Stufen der Beteiligung werden hierbei unterschieden: 1. Die Information, damit der Bürger „Probleme, Alternativen, Möglichkeiten und Lösungen besser versteht“. 2. Die Konsultation, das „Einholen einer Rückmeldung zu Analysen, Alternativen und Entscheidungen“. 3. Das Einbeziehen, die „direkte Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit (…), um sicherzustellen, dass die öffentlichen Anliegen und Erwartungen konsequent verstanden und berücksichtigt werden“. 4. Die Kooperation, die „Partnerschaft mit der Öffentlichkeit in jedem Aspekt der Entscheidungen“. Eingeschlossen „die Entwicklung von Alternativen und die Auswahl entsprechender Lösungen“. 5. Die Ermächtigung. Die endgültigen Entscheidungen liegen hier „in den Händen der Öffentlichkeit selbst“. Schauen wir nun auf uns. Im Fall der Entwicklung des Leitbilds „Hoyerswerda 2030“ darf man feststellen: Hier hat es Bürgerbeteiligung in dieser Form gegeben! Und zwar: Information. Konsultation. Einbeziehen. Für den Handlungskonzept-Teil gilt das jedoch nicht so sehr. Hier gab es „Information“ und „Konsultation“. Die Hoyerswerdaer Stadtpolitik ist also in diesem Fallbeispiel einen deutlichen Schritt auf die Bürgerschaft zugegangen – hinein eine neue Form der Bürgerbeteiligung.

Es gibt noch eine weitere, radikale Form der Bürgerbeteiligung: Die „Bürgerkommune“. In Deutschland werden nur vier Kommunen dafür genannt: Potsdam, Berlin-Lichtenberg, Hamm und Köln. Da werden interessante strukturelle Versuchsanordnungen erwähnt wie: „Bürgerkommissionen“. „Bürgerhaushalt“. „Bürgerinitiativen in den Stadtteilen“„Bürgerbeteiligungsräte“. „Kommunale Koordinierungsstelle“. “Webseite der Bürgerkommune“. Spitzen wir die Frage zur Lage der Bürgerbeteiligung in Hoyerswerda zu und fragen naiv und unbedarft: Braucht Hoyerswerda inhaltlich ein noch höheres Maß und strukturell eine neue abgesicherte Form von Bürgerbeteiligung? Oder ist vielleicht alles gut so, wie es ist? Wäre es sinnvoll Hoyerswerda zur ersten sächsischen „Bürgerkommune“ umzubauen? Was meinen Sie?

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 10./11.02.18)


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