Was braucht’s für eine Ehrenbürgerschaft?

01.09.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Kecke Findigkeit war einst die Grundlage für Hoyerswerdas heutige Lausitzhalle – ein ziemliches Husarenstück.

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ´wie es denn eigentlich gewesen ist´. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. Die Tradition… belehrt uns darüber, dass der ´Ausnahmezustand´, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht.“ (Walter Benjamin) Dies war in der Juli-Kolumne meine Trompeten-Parole für die bevorstehende 750 Jahrfeier. Ich schulde Ihnen dafür ein Beispiel:

Die  Neustadt 1976: Eine Wohn- und Schlafstadt mit ca. 55.000 Einwohnern. Die Wohnkomplexe haben eigene „Versorgungstrakte“, Gaststätten, Kaufhallen, Parks. Fragmentierte Begegnungsräume für die Bürgerschaft. Seit Jahren wartet eine leere Zentrums-Brache auf Gestaltung, außer einem großen Kaufhaus – nichts. Ich lese von vergeblichen Kämpfen der Stadtväter um ein „bisschen“ Zentrum. Ich lese wie Brigitte Reimann in der Charaktermaske von Franziska Linkerhand am sozialen Sinn einer reinen Wohn- und Schlaf-Stadt Zweifel anmeldet und ihn ausweitet in eine prinzipielle System-Kritik. Es scheint, als ob das Modell der „sozialistischen Idealstadt“ Hoyerswerda zu dieser Zeit längst aufgegeben und verloren war. Könnte man nicht solch einen Zustand, wenn Stadt-Bürgerschaft so reduziert wird durch Ökonomie, nicht einen „Ausnahmezustand“ oder „Augenblick der Gefahr“ nennen? In solchen Umständen tauchen (manchmal) Akteure auf, die Zugang haben zu Macht und Mitteln, die ausgebufft, idealistisch und zäh sind, erstarrte Zustände aufzuschmelzen und ins Fließen zu bringen – im Dienste der Bürgerschaft. Ich stenografiere jetzt mal den „Husaren-Streich“ eines damals 43-jährigen Mannes, heute quasi historischer „Hausgeist“ der Neustadt.

In der Chefetage von Schwarze Pumpe, der ökonomischen Gebärmutter der Neustadt und ihrer Bürgerschaft, wird in den 70-er Jahren die Idee für ein Betriebskulturhaus ausgebrütet. Ein Ort mit Räumen für Bürgergruppen wie Blasorchester, Textilzirkel, Tanzgruppen, Kabarett – zusätzlich mit Bühne und Saal für ungefähr 1000 Zuschauer. Zentraler Begegnungsort für die Bürgerschaft. Sie müssen dazu wissen: In der DDR waren wirtschaftliche Körperschaften wie Schwarze Pumpe gesetzlich in soziale Verantwortung eingebunden. „Pumpe“ war eine der erfolgreichsten (volkseigenen) „Superkonzerne“ der DDR im Energiesektor, ein internationales Schwergewicht mit Top-Management. Und unser Husar und seine Leute nahmen den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Wertschöpfung ihres Unternehmens und sozialem Gewinn für die Belegschafts-Familien in Hoyerswerda sehr, sehr ernst.

Als im Mai 1976 der IX. Parteitag der SED an verbindlichen Planungsbeschlüsse für das Land und seine Regionen arbeitet, nutzt unser Mann waghalsig eine Gelegenheit: Als Mitglied der Redaktions-Kommission, die an den regionalen Beschlussvorlagen arbeitet, schmuggelt er dort einen „harmlosen“ Nebensatz ein: „Zur kulturellen Betreuung ist in Hoyerswerda ein Haus der Berg- und Energiearbeiter zu errichten.“ Zwei Kumpel der staatlichen Plankommission decken diesen Satz, obgleich andere regionale Konkurrenten wie Senftenberg und Cottbus ebenfalls Planungsansprüche anmelden. Der Parteitag winkt den Satz im Paket mit anderen Beschlüssen durch. Die regionale Zentrale in Cottbus kocht.

Wie im Nebenjob arbeitet sich unser Mann zäh durch endlose Hindernisse und Bauunterbrechungen: Mit Elektrik-Dienstleistungen am kaputten Theater befriedet er die Cottbuser Zentrale. Nach längst vorliegenden Bauplänen und mit „Schwarzinvestitionen“ aus dem Pumpe-Haushalt lässt er kurzerhand das Fundament bauen. Dann hilft der „sozialistische Zufall“: Er begegnet einer Brigade von Kühlturm-Bauarbeitern ohne Projekt und lässt sie innerhalb von sechs Wochen das Bühnenhaus errichten. Ein Mahnmal. Keiner wagt das Projekt mehr zu streichen, will eine Bauruine verantworten. Der Mann pokert weiter: Als ihm die kommende Präsidentschaft der internationalen Gasunion (IGU) angetragen wird, „benötigt“ er ein repräsentatives Konferenz- und Bürogebäude. Es wird der Tarnmantel für den Anbau, den er unbedingt für die Volkskunst-Bürgergruppen haben möchte. Er wird genehmigt. Kurz vorm Ziel exportiert man die bestellte Saalbestuhlung für Valuta nach England. Er lässt sie mit eigenen Leuten bauen. 1984 ist der „siebenjährige Krieg“ um den „kleinen Palast der Republik“ gewonnen.

Nun übertragen Sie mal dieses Historienstück auf unsere heutige Gefahren-Situation. Was möchte uns die Geschichte damit zuraunen? Der Husar heißt übrigens Dr. Herbert Richter. Der langjährige Generaldirektor lebt noch. In Cottbus. Ich frag mal so: Was sind die Kriterien für eine Ehrenbürgerschaft – heute und in Zukunft?

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 27./28.08.17)