Zwei Perspektiven auf Dasselbe

28.10.2012  |  Thema »Zettelkiste

Durch die arbeitswütige Sozialpädagogin Svea Lehmann von der Beruflichen Schule Stralsund animiert, las ich mich vor drei Jahren in die Bücher einer (ursprünglich amerikanischen) Therapie-Schule hinein, die mich seitdem nicht mehr loslässt – und fast „jüngerhafte“ Züge bei mir entfachte – die sogenannten radikalen ‚Lösungsfokussierten‘ im Unterschied zur problem-lösungsorientierten Schule und zur psychoanalytischen Schule. Entwickelt und vertreten durch Steve de Shazer, Kim Soon Berg, Therese Steiner, Peter DeJong, Yvonne Dolan u.v.a.

Was mich hier fasziniert ist die unerbittlich-kooperative Art der Beziehung zwischen Therapeut und Klient,  das originelle Repertoire an Fragetechniken und die verblüffenden, oft paradoxen Lösungen für die sogenannten ‚beklagenswerten Zustände‘ des Klienten. Verkürzt gesagt ist der Ausgangspunkt der ‚Lösungsfokussierten‘ doppelt:

Zum einen begegnen sich im klassischen Therapeut-Klient-Verhältnis hier zwei gleichwertige Experten auf Augenhöhe. Der Klient als Experte seines eigenen Lebens und der Therapeut als Experte für Fragen, die er gemeinsam mit dem Klienten bearbeitet. Fragen, die den ‚Klienten‘ in die Lage versetzen, für sich Antworten zu finden, welche er als angemessen empfindet. Antworten, welche er außerhalb des therapeutischen Rahmens in Handlungen auf ihre Brauchbarkeit hin testet.

Zum anderen gehen die ‚Lösungsfokussierten‘ davon aus, dass man den ‚beklagenswerten Zustand‘, den der Klient selbst definiert – aus zwei Perspektiven anschauen kann: Vom ‚Wurst‘-Ende des Problems aus und vom ‚Wurst‘-Ende der (noch nicht gefundenen) Lösung. Dieser Perspektiv-Unterschied hat enorme Konsequenzen auf die Weise des Wahrnehmens und Beschreibens, des Fragens und Nachdenkens der Beteiligten. Vertiefe ich mich in Studien, Erklärungen und Kausal-Beschreibungen des ‚beklagenswerten Zustandes‘ als Problem? Oder ignoriere ich konsequent jegliche Problembeschreibung – und begebe mich sofort auf die Suche nach Lösungsansätzen?

Eine zunächst abschreckende Herangehensweise, hat man doch sein Problem irgendwie ‚lieb‘ gewonnen und selbst schon – oft mit eloquenter Unterstützung anderer – ausführlich ausgedeutet… Nun, allein schon die Definition des tatsächlich ‚beklagenswerten Zustandes‘  ist aus der Perspektive der ‚Lösungsfokussierten‘ verblüffend und faszinierend…

Später hierzu mehr.


Gruselige Entdeckung: ‚De-personalisiertes‘ Kapital

28.10.2012  |  Thema »Kapital Studien

Vorweg: Seit Februar 2011 bin ich fleißiger Mitleser im wöchentlich-montäglichen ‚Kapital‘-Lesekreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Von einst ca. 120 Anfängern sind etwa 15 Hartgesottene übrig geblieben, die sich unter der Moderation der beiden Italienerinnen Valeria Bruschi und Antonella Muzzupappa sowie Ingo Stützle durch die drei Monsterbände dieses sprachgewaltigen Vollbarts durchgruben. Mittlerweile sind wir im letzten Band angekommen…

Kürzlich lasen wir das 23. Kapitel/3. Bd. „Zins und Unternehmergewinn“. Hier finden sich erhellende (Gegenwarts-) Beschreibungen.

Die Spaltung des Profits in ‚Zins“ und ‚Unternehmergewinn‘

Marx untersucht in diesem Kapitel zwei Figuren des ‚Kapitals‘, den in der Produktion ‚fungierenden Kapitalisten‘ (= ‚industrielles Kapital‘) und den außerhalb der Produktion agierenden ‚Geldkapitalisten‘ (= ‚zinstragendes Kapital‘). Weiter in Steno: ‚Geldkapitalist‘ leiht als Eigentümer von Kapital dem ‚fungierenden Kapitalisten‘ als (teilweisen) Nicht-Eigentümer von Kapital – Geld und macht diesen zum Funktionär seines Geldes. ‚Geldkapitalist‘ erwirbt Anrecht auf einen Teil des ‚Profits‘, welcher dem (wirklichen) Produktionsprozess entspringt – organisiert durch den Dirigenten-Job des ‚fungierenden Kapitalisten‘. Das Anteilsrecht am ‚Profit‘ wird für den ‚Geldkapitalisten‘ ausgedrückt als ‚Zins‘. Den verbleibenden Teil des Profits eignet sich der ‚fungierende Kapitalist‘ an – ‚Unternehmergewinn‘ genannt. Usw. usf., alles schön und gut bis hierher.

Der Unternehmer, der sich selbst als Lohnarbeiter empfindet

Marx arbeitet sich sodann aus der ökonomischen Differenzierung dieser beiden Sorten von ‚Kapital‘-Subjekten heraus, und schreibt sich skizzenhaft an den sozialen Gegensatz zwischen den beiden heran… Weiter in Steno: Der ‚fungierende Kapitalist‘, der faktisch (auch) als Funktionär des ‚Geldkapitals‘ agiert, empfindet sich selbst als ‚Arbeiter‘, der sich dem eigentlichen Arbeitsprozess und seinen für ihn arbeitenden ‚Lohnarbeiter‘ stärker verbunden sieht als seinem ökonomischen Kapital-Verwandten. Sein ‚Profit‘-Anteil erscheint ihm als Lohn für seine Anstrengungen als Dirigent und Organisator seines Unternehmens und nicht mehr – was es eigentlich ist – als Aneignung fremder, vom Lohnarbeiter geleisteter, unbezahlter Arbeit (= ‚Profit‘). Seine (auch seelisch) aufreibende Arbeit wird sichtbar, unsichtbar wird er als „Aneigner“ fremder, unbezahlter Arbeit. Wie der Lohnarbeiter erscheint er nur noch als Funktionär von Arbeit…

Kapital als de-personalisierte mystische Vermehrungseigenschaft

Alsdann der nächste gedankliche Sprung: Das ‚Geldkapital‘ (‚zinstragende Kapital‘) selbst verwandelt sich in ein unpersönliches, anonymes ‚Subjekt‘, zum kaum noch greifbaren Gruppenakteur, das Funktionärsvertreter anstellt (‚managers‘)… Und als Schlusspunkt: Das ‚Kapital‘ überhaupt – sei es als ‚Geldkapital‘ oder als ‚fungierendes Kapital‘ erscheint nicht mehr als gesellschaftlich agierendes Subjekt, es erscheint de-personalisiert, subjektlos, nur noch funktionell vertreten – mit einer mystischen, ’natürlich‘ Vermehrungs-Eigenschaft versehen („Geld regiert die Welt“). Anonym und sinnlich nicht erkennbar läuft der eigentliche ökonomische Vorgang im Hintergrund ab: Die Aneignung und Aufteilung von unbezahlter (Mehr-) Arbeit, erzeugt durch ein eigentlich schlichtes ökonomisches Grundverhältnis zwischen funktionell agierenden Menschen… Dieses Unsichtbar-Werden erscheint mir zwingend und erzeugt zugleich bei mir  Grusel.

Wenn Nebel etwas unsichtbar macht, aber der Nebel selbst auch unsichtbar geworden ist – kann man schwerlich sagen: Sehet, da ist Nebel, schauet doch! Und er verhüllt etwas! – Aber da ist nichts, kann nur die Antwort heißen. Ein Nichts, das ein Nichts umhüllt. Gruselig.


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