Nachtrag DOK Leipzig (1) – ‚Downeast’

07.11.2012  |  Thema »Filme & Dramaturgie

Grit Lemke schreibt in ihrem Katalogtext zu ‚Downeast’ (von David Redman und Ashley Sabin): „In bester amerikanischer Erzähltradition entwickeln sie eine packende, in der ehrliches Unternehmertum („business is personal“) im Verein mit den Arbeitnehmern antritt gegen ein gesichtsloses Finanzkapital. Dabei geht es nicht nur um Existenzen und sehr viel Geld, sondern vor allem um Würde. Downeast ist überall.“

Vom ökonomischen Standpunkt beschreibt der Film eine paradoxe Situation: Eigentlich müsste der kapital-investierende Lobster-Unternehmer Antonio Bussone gemeinsam mit seiner ihm Kapital leihenden Hausbank die geschaffenen Arbeitsplätze profit-orientiert „ausbeuten“ (= Aneignung von unbezahlter Arbeit). Seine profitable vorgestellte Geschäftsidee besteht darin, Lobster von Fischern zu kaufen, sie durch gemietete Arbeitnehmer zu verarbeiten und zu konservieren und dann gewinnbringend zu verkaufen. Hinterher sollte also mehr Geld rauskommen als er und die Bank gemeinsam rein gesteckt haben. Zwei Kapital-Subjekte stehen hier auf der Bühne (ein Unternehmer und seine Bank), die den Profit einer Geschäftsidee sich aneignen und dann aufteilen müssten – als Unternehmergewinn und Zins. Eigentlich ziehen sie an einem Strick, doch die Fronten geraten hier durcheinander: Das eine Kapitalsubjekt (der Unternehmer) fühlt sich selbst seinen Arbeitskräften (alten Damen und Männern der Kleinstadt) mehr verbunden, während das andere eigentlich „partnerschaftliche“ Kapital-Subjekt (die Hausbank von Antonio) als Feind erscheint – für den Unternehmer Antonio, weil es kein weiteres Kapital leihen will und für die Arbeitnehmer, weil es die Arbeitsplätze bedroht.

Trotz hoher Nachfrage des Produkts (der Ware), verschwinden im Schlund des anonymen Bank-Apparats die Gründe, weshalb sich hier zwei eigentlich Verbündete verfeinden. Aus der ökonomischen Charaktermaske des Kapital-Unternehmers Antonio Bussone tritt plötzlich ein menschliches Drama hervor, während das andere Kapital-Subjekt ‚de-personalisert‘ und anonym erscheint, nur ihre angestellten Funktionäre kann man am Telefonhörer hören…

‚Downeast’ wirkt plötzlich wie eine aktuelle Illustration von Marx (23. Kapitel/3. Band ‚Kapital‘). Und Bonitzer würde dann ergänzen: Hier liegt die (dokumentarische) Verkörperung einer Idee vor, welche als Problem dargestellt ist. Man muss beim Dokumentarfilme-Machen vielleicht gar nicht soviel nachdenken, es geschieht einfach, durch Anwesenheit bei den Leuten selbst. Die Dramaturgen klären hinterher alles auf.


Bonitzer’s Polaritäten

06.11.2012  |  Thema »Filme & Dramaturgie

Interessante (dramaturgische) „Spannungsräume“, mit zwei gegensätzlichen Frontmarkierungen fallen mir seit längeren auf. Der französische Drehbuchautor und Regisseur Pascal Bonitzer (*1946) schreibt: „Eine Geschichte ist etwas anderes. In ihr wird eine bestimmte Idee als Problem dargestellt und durch Figuren, die deren vielfältige Verkörperung sind, ins Spiel gebracht.“ Der niederländische Dokumentarfilmer Johan van der Keuken (1938-2001) formuliert: „Film ist eher eine Methode, die Dinge in einen Zusammenhang zu stellen, als eine Geschichte zu erfinden. Die Erneuerung des Auges.“

Nun mache ich selbst gerade nichts anders – ich stelle zwei isolierte Sätze in Zusammenhang. Und behaupte, da wird etwas „selbes“ in seiner Gegensätzlichkeit beschrieben… Bleiben wir zunächst bei Bonitzer und stochern wir da ein wenig herum. Er formuliert zwei Polaritäten fürs „Denken in Geschichten“ (als besonderer Form des Denkens).

Zum einen: Eine „Idee“ ist an sich noch kein „Problem“, sie muss beim Geschichten-Erfinden erst in dieses umgedacht werden. Vermutlich gilt auch der umkehrte Weg: Das Entdecken einer Idee in einem Problem. Bleibt die Frage, wie man das technisch macht. Wie verwandelt man das eine in das andere?

Zum anderen: In einer Geschichte werden „Figuren“ ins Spiel und in Stellung gebracht – als „Verkörperung“ der Idee (die zuvor in eine Problem umgewandelt wurde). „Figuren“ werden also „Verkörperung“. Auch hier gilt wohl die Umkehrung: In einer instinktiv ausgeschrieben Figur (sprich – einer „unbegriffenen Verkörperung“) lässt sich mit einer gewissen Denk-Anstrengung die Verkörperung einer Problem-Idee entdecken. Aus Ideenverkörperung werden Figurenkörper. Oder eben aus Figurenkörper werden Ideenkörper. Auch hier gilt: Wie macht man das eigentlich technisch?

Kurzum, Bonitzers Polaritäten könnten Hinweise geben, was dem Schreiber beim Erfinden seiner Geschichte passiert: 1) Er schreibt sich hemmungslos aus einer glasfeinen Idee in ein milchig-sinnlich-dunkles Problem hinein – und umgekehrt. 2) Er schreibt sich von einer willkürlich-unbändigen Figur in eine strenge Ideenverkörperung hinein – und umgekehrt.

Soweit. Van der Keuken vertagen wir…


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