Nekropole Hoyerswerda?

06.08.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Eine Studie eines Berliner Beratungsunternehmens kann einem als Hoyerswerdaer einen gehörigen Schrecken einjagen.

Kenotaph war das Wort, das mir spontan einfiel. Kenotaph. Aber der Reihe nach: Angenommen Sie sind ein halbwegs regelmäßiger Leser der Samstagskolumnen und kein zufälliger Lektüre-Streuner, dann erinnern Sie sich vielleicht an einen Text, den ich hier vor vier Wochen verzapfte (21./22.01.) und der von meinem klugen Redakteur mit „Aufstieg in die Liga der versteckten Perlen“ tituliert wurde.

Ich erwähnte da eine Studie des Empirica-Instituts zur derzeit „enthemmten“ Binnenwanderung in Sachsen. Diese Studie hat mir in den letzten Wochen zugesetzt, mich zartbesaiteten Neu-Hoyerswerdaer. Wie ein aufgeregtes Hündchen an einem Knochen habe ich an der Studie herumgebissen, -geknabbert und -gelutscht. Erst dachte ich, ich könnte Ihnen damit heute einen hübschen, boshaften Schrecken einjagen, doch jetzt habe ich selbst eisig kalte Füße bekommen, ich Sensibelchen. Zur Sache:

Bei der Lektüre der sächsischen Wanderungsströme fand ich die gewählten Prämissen sehr zwingend und einleuchtend, ebenso die logischen Ableitungen und erläuternden Exkurse. Doch die Schlussfolgerungen wirken schwer verdaulich, wenn man eine gewisse Portion Lokalpatriotismus auf dem Teller hat. Zum Beispiel: „Die Stadt Hoyerswerda könnte aufgrund einer Kohortenwachstumsrate von nur 39 (d.h. von 100 dort aufgewachsenen Personen werden 61 die Stadt im Saldo verlassen) möglicherweise zu einer eigenen Gruppe von Gemeinden gehören, bei denen von einer Fluchtwanderung ausgegangen werden kann.“ F-l-u-c-h-t-w-a-n-d-e-r-u-n-g. Autsch!

Die fünf Formen der Binnenwanderung (Ausbildungs-, Berufsanfänger, Settlement-, Mittelalter- und Altenwanderung) erzeugen laut der Studie die Siedlungsformen „Schwarm-“ und „Wachstumstädte“, “versteckte Perlen“ sowie „Schrumpfungsstädte und ausblutende Regionen“. A-u-s-b-l-u-t-e-n-d-e Regionen. Autsch-Autsch! Ich hatte die stille Hoffnung, ich könnte Hoyerswerda auf der Liste der „versteckten Perlen“ finden. Aber nö! Sie wurde gut begründet dieser letzten Gruppe von verlorenen Gemeinden zugeordnet. Dazu heißt es, und Achtung jetzt wird es sehr, sehr drastisch, ich warne Sie vor:

„Die Zukunftsperspektiven der ausblutenden Gemeinden sind bedrückend. Die Stärke der Schwarmstädte in Kombination mit dem andauernden Geburtendefizit (in den Schrumpfungsstädten -O.W.) erlauben es nicht auf eine Trendumkehr zu hoffen. Vielmehr ist es durchaus denkbar, dass sich der Trend sogar beschleunigen wird, da mit jedem Fortzug die Attraktivität der Gemeinde für die Zurückbleibenden weiter sinkt. Wenn ein Großteil meiner Jugendfreunde ohnehin schon in Dresden wohnt, steigt die Wahrscheinlichkeit dass auch ich hinterher ziehe. Gerade für kleinere Gemeinden bedeutet dies, dass eine fast vollständige Entleerung absehbar ist. Dass eine solche Entwicklung keineswegs eine unsichere Spekulation über die Zukunft ist, zeigt die (…) Gemeinde Gablenz. Diese Gemeinden sterben nicht zukünftig aus – wie dies manchmal euphemistisch bezeichnet wird – sie tun es schon heute. Entsprechend kann die politische Strategie für diese Gemeinden nur – wir entschuldigen uns für die Härte des Ausdrucks, aber er ist ebenso zutreffend wie bündig – eine palliativ-medizinische Behandlung sein. Eine palliativ-medizinische Behandlung bedeutet gerade nicht eine völlige Einstellung aller Leistungen der öffentlichen Hand, sondern eine soweit wie mögliche Reduzierung der Schmerzen bis zum Tod. Palliativ-medizinische Behandlungen kosten Geld, das muss allen Beteiligten deutlich vor Augen geführt werden.“

Autsch-Autsch-Autsch! Las ich da eine Grabrede auf Hoyerswerda? Und jetzt das Wort, das mir daraufhin spontan einfiel: Kenotaph. Es bezeichnet ein Scheingrab und dient als Ehrenzeichen für einen Toten. Im Gegensatz zum Grab dient der Kenotaph ausschließlich der Erinnerung und enthält keine sterblichen Überreste. Als ich den Begriff nachschaute, stieß ich auf einen noch anschaulicheren Begriff: Nekropole. Totenstadt. Eine Stadt, die ausschließlich der Erinnerung dient und in der niemand wohnt. Verstehen Sie jetzt, warum ich Sensibelchen eiskalte Füße bekam? Ich wünsche Ihnen, dass Sie abgebrühter sind. Ansonsten überzeugen Sie sich selbst: Googlen Sie einfach mal „Schwarmverhalten in Sachsen“.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung Hoyerswerdaer Tageblatt 18./19.02.17)


Aufstieg in die Liga der versteckten Perlen

06.08.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Über sie Zukunft der Stadt Hoyerswerda wird emotional debattiert – von wenigen.

Kennen sie das? Wenn sie irritiert versuchen aus gesammelten  Eindrücken schlau zu werden. Und es einem eher so vorkommt als starre man in Scherben, in einen Kaffeesatz oder in eine Wahrheitskugel und man begreift – nichts. Ich habe in den letzten Wochen brav Konzepte zur Stadtzukunft studiert, Veranstaltungen besucht, meine Löffel weit aufgesperrt. Als Mann mit elegantem Halbwissen weiß ich: Die Zukunft ist offen, wie es in Schwarzeneggers „Terminator “ heißt oder in Blochs „Prinzip Hoffnung“.

Und dennoch, die Stadtzukunfts-Eindrücke machen mir zu schaffen. Ich lese in einer plausiblen Studie über Wanderungsmuster von fünf  Arten der Binnenwanderung, denen die sächsischen Regionen gegenwärtig ausgesetzt sind: 1. Ausbildungs-, 2. Berufsanfänger-, 3. Settlement-, 4. Mittelalter- und 5. Alten-Wanderung. Aus diesen Wanderungsformen leiten die Wissenschaftler vier aktuelle, sächsische Siedlungstypen ab: Schwarmstädte, Wachstumsstädte und Achtung jetzt kommt`s: „versteckte Perlen“. Diese drei gelten als „Ankerpunkte“ für eine Region. Und während ich so lese, hoffe ich: „versteckte Perle“, das könnte doch zu meinem Hoyerswerda passen! Die Seiten lesen sich so weg und ich fange an zu zappeln, denn da taucht noch ein vierter Siedlungstyp auf: „Schrumpfungsregion und ausblutende Gemeinden“. Und schließlich begreife ich: die Forscher zählen Hoyerswerda zu dieser allerletzten Liga! Es kommt noch gruseliger… genug! Zu einem anderen Eindruck. Ich spule dazu zwei Monate zurück.

Dass es kein Straßenfeger werden würde war mir klar. Doch als ich in den Forumsaal der Lausitzhalle hineinhumpelte, war ich ernüchtert. Höchstens 70 Leute saßen verloren im weiten Meer von leeren Stühlen: Stadtwerkstatt zum Leitbild Hoyerswerda 2025. Der Moderator hetzte durch eine überarbeitete Fassung, die alte wurde in der letzten Werkstatt als zu ausufernd und nicht emotionalisierend befunden. Doch auch hier: kein einziges Wort zur grundsätzlichen Situation der Stadt. Das unbelehrbare Publikum holte  in der Diskussion genau das grantelnd: Wie viel soll noch abgerissen werden? Was wird bleiben? Worauf muss man sich einstellen? Und prompt war sie da die vermisste Emotionalität. Wie es scheint wird einem Leitbild ein schwammiger Eiertanz dazu nicht verziehen, sondern ein glasklarer Standpunkt abverlangt. Eine Stunde weiter lümmle ich in einer der drei Arbeitsrunden, am Tisch „Wirtschaft, Arbeit und Tourismus.“

„Ja, stimmt schon“, sagt ein Mann im Strickpullover, „Die Stadt sieht besser aus. Die Häuser sind saniert, die neuen Grünanlagen gut gepflegt. Jetzt kommen langsam die Gehwege dran. Und trotzdem hab ich das Gefühl, dass durch die Stadt kein Ruck gegangen ist und dass es nicht aufwärts geht!“ Ein Mann im Fließpullover keilt gegen die Verwaltung: „Die machen nicht mehr als nötig und tragen nur ihr sicheres Gehalt nach Hause“. Das Stadtparlament kriegt auch Dresche: „Die quatschen nur und klüngeln.“ Dann sagt jemand: „Ich will, dass wir nicht noch weniger werden! Ich will dass das aufhört und die Stadt sich stabilisiert!“ „Na, das ist doch mal ein klares Ziel, eine Vision!“ sagt ein Mann in olivgrüner Steppjacke „Das ist nicht realistisch“, widerspricht eine Hintergrundstimme. „Da brauchen wir jährlich 700 Leute Zuzug“, ergänzt eine Kompetenztimme. „Ja und!“, schnoddert die Steppjacke: „Was wollen Sie? Stabilisierung oder Schrumpfung? Legen Sie sich mal fest! Was muss passieren, damit die Stadt sich stabilisiert?“ Und dann legte die Runde richtig los…

Ein Unternehmer am Stehtisch mit schlankem Schorleglas begeistert sich für einen Flüchtling, der als kluge Arbeitsbiene entdeckt und fest eingestellt wurde – und lästert über deutsche Schulabgänger. Eine wohlduftende Dame mit Seidenschal erwähnt leerstehende Büros, die sie kostenlos Unternehmensgründern anbieten würde. Ein Manager in hoffähigem Anzug, schneeweißes Hemd, offener Kragen, ein Blickfang für jede Frau, erwähnt, dass seine Firma dafür ein ganzes Jahr den Strom sponsern könnte. Ein ausgebeulter Strickpullover raunzt: „Um Firmen herzulocken, ist eine einzelne Wirtschaftsförderin für die Stadt zu wenig! Die braucht ein Klinkenputzer-Team!“ So spielen sich die Leute die Pässe zu. Wie eine Fußballmannschaft, die partout nicht absteigen will – in die allerletzte Liga.

Alles eine Frage des Reframing, denke ich. Schon mal gehört? So nennt man die Umdeutung einer düsteren Situation, indem man ihr neuen Sinn zuweist: Aufstiegskampf in die Liga der „versteckten Perlen“. Zum Beispiel. Scheint so als schlummert er in einigen Leuten hier: Der Kämpferwille. Mit solchen Leuten wirft man doch gern Hühnerknochen oder blinzelt in ominöse Wahrheitskugeln.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 21./22.01.17)


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