Fragend durch Hoyerswerda

06.08.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Können die Stadt und die Lausitz das Ruder herumreißen und der Schrumpfung etwas entgegensetzen? Und wie geht das?

Ich habe 150 Tage in meiner neuen Wohnstadt Hoyerswerda durchgestanden. „Heimat“ will ich sie nicht nennen, das wäre unverschämt naiv. Brav praktizierte ich, was mir meine Oma einbleute als ich ein kleiner verschüchterter Knirps war: „Wenn du dich unter fremden Leuten unsicher fühlst, dann stell ihnen einfach Fragen!“ Hab ich gemacht. Die meisten meiner „zufälligen“ Alltagsbegegnungen gingen so durch einen voreingestellten Fragenfilter. Ob nun mit den abgeklärten Taxifahrern, die mich in die Reha-Klinik kutschierten. Oder die fleißigen Therapeutinnen, die geduldig meinen schlaffen Arm abspreizten oder mich einbeinig auf einem Keilkissen turnen ließen. Oder die gesprächige Gulaschkanonierin auf dem Marktplatz. Oder, oder, oder… ich hatte immer denselben Filter auf meinem Auspuff.

„Sind Sie aus Hoyerswerda?“ war meine klassische Eröffnung, um arglistig nachzufragen: „Und? Wie lebt es sich in Hoyerswerda?“ Sanft wie ein Quadfahrer lenkte ich das Gespräch durch die mir angebotenen Anknüpfungsworte. „Apropos… und, „Weil sie das gerade erwähnten…“ und suggerierte den Leuten, sie selbst bestimmten den Verlauf des Gesprächs, die netteste Art der Unterhaltung. Wussten Sie, dass ein Gespräch zwischen zwei Leuten mindestens drei Gespräche hat? Zwei Selbstgespräche und das eigentliche Gespräch. Lesen Sie mal Tom Andersen „Das reflektierende Team. Dialoge und Dialoge über Dialoge. Anders gesagt: Ich drängte den Leuten mit meinen Fragen ganz eigensüchtig mein eigenes Selbstgespräch auf, das sich immer um dieselbe Sorge dreht: „Ist dieses H-o-y-e-r-s-w-e-r-d-a wirklich spannend?“ Was eigentlich meint: „Gibt es hier spannende Leute?“ Was wiederum eigentlich meint: „Machen die Leute hier was miteinander, was spannend ist für mich?“ Ja, für mich! Für wen denn sonst?

Mein banger Verdacht, dass ich zehn Jahre zu früh in eine Greisenstadt geraten bin, in der man bald nur noch dann jüngere Leute trifft , wenn sie an den Dienstleistungen mit gebrechlichen Leuten wie mir verdienen – fragen Sie mal das Taxi- , Reha-, Pflegedienst- und Bestatter-Geschäft – diesen Verdacht zu testen, leite ich mit der Frage ein: „Apropos Lausitzcenter, ich hörte, Sie sagen dazu Rentertunnel?“ Je nach Beißlust werde ich dann auch mal wagemutiger. Ich kürze jetzt ab und verrate nicht, wie ich das rhetorisch mache: „Haben Sie schon mal was von der Theorie der Kreativen Klasse gehört?“, leite ich meinen Vorstoß ein, „Ist eine amerikanische Wirtschaftstheorie, die sagt: Entscheidend für die Rettung sterbender Städte und Regionen sind ihre kreativen Köpfe, deren kreativer Output und die von ihnen ausgehenden Innovationen.“ Ich ergänze dann besänftigend: „Übrigens, Angehörige der kreativen Klasse finden sich in allen Bereichen der Arbeitswelt.“ Fühlen Sie sich persönlich also nicht ausgeschlossen! Und sehen Sie das nicht zu ingenieur-technisch mit den Innovationen. Googlen sie mal: ‚Kreatives Milieu’ oder das ‚Modell der drei T’ (Technologie, Talent und Toleranz)!

Und dann rücke ich mit der Frage heraus, die mich irgendwie am meisten umtreibt: „Hätte die Lausitz und das niedliche Hoyerswerda mittendrin, hätten die Leute hier das Zeug dazu, das Ruder in diese Richtung rumzureißen?“ Statt allseits diskutierter Schrumpfung und schleichendem Ausbluten vielleicht doch ein klitzekleines Bisschen originelle Zuwanderung? Nach dem Motto: Kreativ-City Hoywoy oder Kreativ-Region Lausitz? Ich gebe zu, ich ernte meist runzlige Stirnen oder ungläubige Kulleraugen, hatten wir doch das „zufällige“ Gespräch mit einem harmlosen Small Talk über die Stadt begonnen.

Und warum zum Teufel ist mir diese Frage überhaupt so wichtig? Was schert mich Stadt-Anfänger, wohin sich dieses Städtl und sein Umland hinentwickelt – in meinen letzten, großzügig geschätzten zwanzig Lebensjahren? Leide ich unter einer chronischen Weltverbesser-Neurose? Wechsle mal deinen Filter aus! Und halt dir das vom Leib – die unklare Zukunft der Stadt, diese hitzig diskutierte Ungewissheit. Leb hier einfach dein bescheidenes, kleines Leben. Wärme deine schöne, traurige Freundin, amüsier dich mit deinen freizeit-aktivistischen Bekannten, genieß im Sommer die Seen und im Winter deinen bunten Bildschirm. Werd halbwegs gesund, eine manierliche Hemiparese ist ja keine aussichtslose Krankheit. Und f-a-l-l-s du es hier nicht mehr aushältst, dann haust du wieder ab, machst ´ne Fliege, ergreifst die Flucht. So etwa tänzelt das Selbstgespräch in mir. Wollen Sie wissen, was man mir auf meine mir so super wichtige Frage antwortet? Machen Sie’s gefälligst selbst! Dann wissen Sie’s.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung Hoyerswerdaer Tageblatt 16./17.12.16)


So knackig wie bei „Dirty Harry“

26.06.2017  |  Thema »Hoyerswerda

Am Dienstag wird das Leitbild Hoyerswerdas diskutiert – nicht zum ersten Mal dieser Tage.

Am Ende zucke ich zusammen: „kein Zeitungsbericht darüber! Sie sprachen, dass man behutsam vorgehen müsse. „Wir wissen doch wie das in der Stadt mit den Befindlichkeiten ist.“ Da bin ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – und soll nun darüber schweigen? Fünf Frauen und zehn Männer in einem Ladenbüro. Dicht gedrängt an zusammen geschobenen Tischen. Von Mittag bis zum Sandmännchen. Sieben Stunden. Zuhören. Sich gegenseitig informieren. Nachfragen. Widersprechen. Fokussieren. Sich einigen. Am Anfang Kartoffelsalat, Wiener Würstchen, Apfelschorle und Wasser. Später Kaffee, Kuchen, Kekse.

Wussten Sie, dass es eine „Nachrichtenwert-Theorie“ gibt? Als ich prüfen wollte, ob das, was ich da erlebt hatte Nachrichtenwert hat, sprich: „öffentliche Relevanz“, stoße ich auf zehn Kriterien: Neuigkeit, Nähe, Tragweite, Prominenz, Dramatik, Kuriosität, Konflikt, Sex, Gefühle, Fortschritt. Neun von zehn Kriterien trafen zu. Ich hatte einen Volltreffer an Nachrichtenwert gelandet! Aber wie schreibe ich über etwas, über das zu schreiben nicht erwünscht ist. Ich könnte ganz allgemein darüber schreiben, keine Details preisgeben, die Namen der Beteiligten weglassen und Vermutungen anstellen über das Schweigegelübde. Oder ich könnte über den „großen Zusammenhang“ schreiben. Doch dazu muss ich ein anderes Ereignis vorwegschicken. Also Rückblende:

„Zehn Meter bis zum Fahrstuhl. dann fährst du in den zweiten Stock und dann noch mal zwanzig Meter.Den Rollstuhl trage ich dir hoch!“, sagt der Kollege, der mich her gefahren hatte. Als ich aussteige, stelle ich verwundert fest, dass das neue Rathaus nicht in der Neustadt steht, wie ich vermutet hatte, sondern auch in der Altstadt. Gott sei dank gibt es rechts ein Geländer, an dem ich mich hochziehen kann. Ich trete ich in den Sitzungssaal. Hier ist also sie, die öffentliche Bürgerversammlung zum Thema: „Das Leitbild Hoyerswerda 2025.“ Hochinteressant für mich als Neubürger. Gut 100 Leute sitzen murmelnd im großzügigen Halbkreis vor einem Podium.Der bärtige Moderator stellt eine halbe Stunde das Leitbild vor, das bereits fünf Jahre alt sein soll und das kaum ein Bürger kennen würde. Der Vortrag ermüdet, nichts, was wirklich packt.

Es liegt nicht am Bärtigen, der gibt sich alle Mühe, sondern am Inhalt, den er zu referieren hat. Bei einem Satz werde ich munter. „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Stark! Doch schien es, als hätten die Autoren des Leitbilds den letzten Teil des Satzes vergessen. Der Moderator resümiert: Das Leitbild zündet nicht. Ich lausche drei Statements von Bürgern. Sie steigern sich in ihrer Schärfe. Das letzte Statement , von einer Frau mit mächtiger Mähne, packt mich. Sie verweist auf einen historischen Strudel, in den die Stadt vor 25 Jahren geriet und seine noch bedrohlichen Sogkräften, die die Stadt sie zu verschlucken drohen, wenn nicht unkonventionell dagegen gesteuert werde. Jetzt bin ich hellwach: Das klingt wie eine heftige Sehnsucht nach einer anderen, umgekrempelten Stadt!

Einen Monat später sitze ich also sieben Stunden zwischen diesen Leuten, die sich versammelt hatten, um diese Sehnsucht wieder zu spüren, nach dem weiten, endlosen Meer. Der Moderator, ein großer eindrucksvoller Mann, hatte Zettel ausgegeben. Jeder sollte zu drei Stadtthemen etwas aufschreiben. Vorderseite: Ist-Zustand, Rückseite: Vision. Ohne viel nachzudenken. Nur einen Eindruck notieren und einen Traum. Einfach naiv benennen, ohne Schere im Kopf. Als sie mit der Diskussion beginnen, legen sie fest: keine Wer-hat-Schuld-Diskussion. Alle spüren die positive Energie im Raum. Wohlwollen, gWertschätzung. Immer wieder diskutieren Sie, was ein Leitbild ausmacht.

Ich denke an Robert McKee und sein Buch „Die Story“, die Bibel der Dramaturgen. McKee erwähnt, dass sich der Drehbuchschreiber des Clint-Eastwood-Kultthrillers „Dirty Harry“ einen kurzen knackigen Leitsatz auf die Schreibmaschine geklebt. hätte, die „controlling idea“. Den „Kontrollsatz, das Leitbild, die Vision des Drehbuches, gültig für die ganze Story, für jeden Akt, für jede Szene: „Die Gerechtigkeit wird hergestellt, weil der Polizist gewälttätiger ist als der Verbrecher.“ Das also suchten sie hier! Den Schlüssel-Satz, den man sich auf die Tastatur klebt, mit der man jede Geschäftsidee, jedes Konzept, jede Beschlussvorlage abgleichenkönnte, ob dadie Vision für Hoyerswerda drinsteckt. Dann könnte Stadtpolitik leichter und verständlicher werden. Mit jeder Stunde kommen sie diesem verdammten Satz näher. Alle spüren es. Aber ich sage nichts. Wegen der Befindlichkeiten in der Stadt.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 19./20.11.16)


Seite 10 von 33« Erste...91011...2030...Letzte »