“Eine Farm in Montana” – Rhythmus- und Rollenverkehrung

Kurz vor Kriegsende: Farmerin Ella (Jane Fonda)  will ihre geerbte Rinderfarm unter allen Umständen weiterführen. Nachbarfarmer Ewing (Jason Robards), mit dem sie einst eine verstrickte intime Beziehung unterhielt, will ihr die Farm im Auftrag einer Ölgesellschaft abjagen. Frank, ein weiterer Nachbarfarmer (James Caan), Kriegsheimkehrer, will seine Rinderfarm wiederbeleben. Ella und Frank tuen sich zusammen – als Geschäftspartner, schließlich als Paar – und wehren erfolgreich die nicht nur ökonomischen, sondern lebensbedrohlichen Angriffe des mehrfach gekränkten Ewing ab. (Die Ölgesellschaft übernimmt Ewings Land und setzt ihn als Verwalter seiner eignen Farm ein; Ella emanzipiert sich wirtschaftlich und erwacht an der Seite Franks zu neuer Vitalität).

Der Film verblüffte mich durch eine eigenartige Rhythmus-Verkehrung. Action-Szenen sind zeitlich extrem verkürzt, Beziehungs-Szenen zeitlich sehr gedehnt. Koexistieren in dieser Form. Was in den Verdacht von „Langatmigkeit“ gerät, stellt sich für mich als verblüffendes Konzept heraus, das dieser Form Sinn gibt: Die Figurenbeziehung von Ella und Frank soll erzählt werden sowie die Kränkung Ewings. Ella wirkt zäh, misstrauisch, wortkarg. Frank hingegen kommunikativ, hilfsbereit und irgendwie charmant-scheu. Bei den beiden entdeckte ich eine zeitlich ‚befristete’ Rollenverkehrung.

Wenn Figuren im Film zugleich immer nur Formgestalten sind von einer Handvoll Charakterzuschreibungen (weniger ist hier wie so oft mehr), so ist mir eine solche Konstellation bisher selten begegnet. Denn eher werden Ellas Charakterstrichen sonst männlichen Figuren – und Franks eher weiblichen Figuren zugewiesen. Hier also überraschend „verkehrt“. Somit kann das stereotypisch „Männliche“ an einer Frau und das stereotypisch „Weibliche“ an einem Manne studiert werden. Ich lerne den Film-Mann von einer „weiblichen“ und die Film-Frau von einer „männlichen“ Gestaltung her kennen. Kurios, komisch, erotisch. Eine minutenlange Frühstücksszene: Eine gierig kauende, stumm lesende Ella – und ein geduldig das Gespräch suchender Frank, der schließlich unbeholfen zu Shakespeare greift… Nun, am Ende lösen sich die Verdrehungen auf – und rasten im Storyfinale in ihr übliches Gewinde ein. Showdown mit aufgespießter Leiche im Schrank, Feuer und Schusswechsel zwischen Ewing und Frank und Ella. Doch in einem solchen Affentempo abgearbeitet und aus dem Film geworfen, so dass ich irritiert zurückbleibe: Was habe ich hier wirklich gesehen? – Charakter-Studien! Oder anders gesagt: Den massiven Einbruch der Figur in die sonst so rasanten Handlungs- und Action-Muster des Westerns. Und genau das hinterlässt diese eigentümliche Gedächtnisspur: Figur!

Der Originaltitel des Films ist ‘Comes a Horseman’. 1978 veröffentlicht. Regie führte Alan J. Pakula.