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Vom Tabellen-Monster zur Edelbroschüre?

17.12.2017

Warum die sachkundige Teilhabe an Hoyerswerdas Entwicklung nicht so einfach ist.

Werden wir jetzt nicht nervös. Kriegen nicht die Panik. Fahren nicht die Stachel aus. Nehmen zur Kenntnis. Registrieren das Gelesene. Verfallen nicht in Unmut. Zählen bis zehn. Atmen durch.

Rückblende – 15.11. Sparkassensaal: Übersichtliche 40 Leute,  man kennt sich. Immer mal wieder taucht ein neues Gesicht auf, bleibt eines weg. Bürgerversammlung zum Handlungsprogramm. Das lang ersehnte Ergänzungsstück zum Leitbild „Hoyerswerda 2030“. Der zweitwichtigste Text nach dem Leitbild, den jeder Stadtbürger kennen sollte, dachte ich erwartungsvoll. Das Drehbuch zur Zukunftsvision. Die Nägel mit den Köpfen, sagte einer. Und dann – Vorhang auf – erschien es uns auf der glühendweißen Präsentationswand: Eine Tabelle. Ach was! Ein Monstrum von Tabelle. 13 Längs-Spalten. Die wichtigsten Spalten heißen „laufende Nummer“ „Maßnahme“, „Kurzbeschreibung“, „Leitbausteinnummer“, „Zeitraum“, „Finanzrahmen“, „Verantwortlichkeit“, „Bemerkung“. Und dann 85 Querspalten. In denen 74 Maßnahmen untereinander gestapelt sind. Kolonnen, Bataillone von Stichworten. Eine ganze Armee! In vier Divisionen, marschiert sie dem Leser übers Auge ins Hirn hinein in die neuronale Speicherzone, die für „Hoyerswerda“ reserviert ist. Gleich neben der Speicherzone „Urlaubswünsche“ und „Beziehungsträume“. Zugegeben, das ist jetzt sehr willkürlich. Sie wissen, was ich meine: Unser Hirn hat mehr im Kopf als nur die Stadt, in der wir fast rund um die Uhr unsere Körper hin- und herschieben.

Zurück zum Tabellen-Monster: Mal quält sich der Blick quer, mal diagonal, dann wieder längs, um Informationen zwischen Neben-, Ober- und Unterzeilen zu verschrauben. Beunruhigt blättere ich vor und zurück. Oh Gott – 12 Seiten Tabelle! Okay. Ein Übersichts-Provisorium. Zehn Maßnahmen betreffen Konzepte und Planungen. 18 sind bauliche Maßnahmen. 25 betreffen den Verkehr, fünf die Feuerwehr… Das Lesen ist wie ein rumpelnder Helikopterflug über die Schlachtordnung einer römischen Legion, die in die Zukunft marschiert. Oder doch in den Teutoburger Wald?

Nach dem hastigen Überflug übers Handlungsprogramm werden wir vom bärtigen Feldherrn an vier Tische gebeten. Vier „Werkstatt-Tische“ entsprechend der vier ethischen Zukunftsgebote von Hoyerswerda, umetikettiert in pragmatische Schwerpunkte: 1. Tisch – „zusammen leben, helfen, schützen“: Soziales, Gesundheit, Senioren, Klima/Umwelt. 2. Tisch – „städtisch leben, umbauen, neu erfinden“: Wohnen, Stadtumbau, Wirtschaft, Handel /Einkaufen, Mobilität. 3. Tisch – „inspirieren, engagieren, teilen“: Kultur, Tourismus, Bildung, Sport, Freizeit, Umland/Region. 4. Tisch – „gut leben in unserer Heimatstadt“: Moderne Verwaltung, Digitale Stadt, Ehrenamt, Beteiligung/Teilhabe. Und dann saßen wir da. Wir Legionäre, wir römischen Bürger. Vor unserem Tabellen-Wald und studierten ihn, gebeten um Kommentare. Uffff!

Wir gingen ungewöhnlich sanft miteinander um. Zumindest am Tisch 3. Dort saß ich saß. Zwei Stadtverwalter, ein Stadtparlamentarier und sieben „normale“ Bürger. Wir sieben schienen uns instinktiv einig: Keiner hatte Lust zu meckern. Die kochen auch nur mit Wasser, dachten wir vermutlich. Und wir sowieso. Und dann kommentierten wir. Irgendwie und drauflos. Was ist mit der Maßnahme Tourismuskonzept? Da steht ja gar kein Geldposten drin! Und wer ist dafür beauftragt? Und wann genau liegt es vor? Usw., usf. Wir mussten die Stadtverwalter ermahnen, sich nicht zu rechtfertigen. Ist ein instinktiver Reflex, spürte ich, wenn sie auf Bürger treffen. Haben Sie nicht nötig. Hinhören, notieren. Reicht. Bloß keine Spirale auslösen von Aber-Aber-Entgegnungen.

Ich hatte auch einen Wunsch: Bitte nicht diese hieroglyphische Tabellenlandschaft. Wie wär’s mit einer zweiten (würdevollen) Edelbroschüre, die ich mir gern ins Regal stelle. Als ansprechender Einstieg in sachkundige Teilhabe, sozusagen. Für jede Maßnahme eine eigene Seite. Mit Hinweisen, wie und wo man das Verständnis der Maßnahme, wenn man mag, vertiefen kann. Und mit einem „Offen-für-Erweiterung“. Damit ich und die anderen 30.000 Stadtbürger andocken können mit der eigenen Kenntnis zur Sache. Kolumnistenkollege Frank Seifert hat vor zwei Wochen schon einen mühseligen Anfang gemacht… Ich habe etwas Bammel, wir könnten sost abstürzen auf unserem Flug in die Zukunft, mit dem Kopf im Sand laden und schnaufen: „Die machen das schon. Die mit ihrem Geheimwissen. Is ihr Job. Werden ja dafür bezahlt“. Nee-nee, so entsteht keine Austausch zwischen uns. So bleiben die Dinge beim Nötigsten. Bei ihrer innewohnenden Trägheit.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 16./17.12.17)


Hoyerswerdas Gesellschaftsvertrag

17.12.2017

Das Stadtleitbild 2030 gibt Orientierung – nicht nur Neuankömmlingen.

Wieder und wieder stolpere ich über diesen blank geknabberten Knochen. Immer wieder schnappe ich nach ihm und immer wieder beiße mich an ihm fest – am „Leitbild Hoyerswerda 2030“. In meiner Umgebung schmunzelt man oder verdreht die Augen, wenn man mich mit diesem Knochen zwischen den Zähnen entdeckt. Am Mittwoch gab’s dazu eine Bürgerwerkstatt und ich wackelte hin. Warum bin ich nur so versessen auf dieses Thema? Klären wir das mal. Prinzipiell!

So ein Ankömmling wie ich muss sich erst halbwegs zurechtfinden in dieser Stadt und kommt dann über die typischen Alltagsfragen hinaus: Wo gibt es hier schmackhaftes Brot, Wurst und Käse? Wo bekomme ich meine Hygieneartikel und Verbrauchswäsche (Socken usw.)? Wo ist die Post, welche Öffnungszeiten hat sie? Damit ich meine Fehlgriffe beim Internetshopping rückgängig machen kann! Wo finde ich Orte, Vereine und Leute, von denen ich annehme, dass dort getan wird, was ich selbst auch liebe zu tun. Wenn das also beantwortet ist, dann meldet sich das Bedürfnis, meinen Horizont quasi „lokalphilosophisch“ zu erweitern. Obwohl ich aus einer Not heraus hier gestrandet bin, war es dennoch meine Entscheidung. Trifft ja auf alle andern Leute hier ebenso zu: Sie haben sich entschieden, die Lebenszeit ihres Alltags hier und nirgends anders aufzubrauchen.

Der Inhalt unserer Lebenssanduhren rinnt so in Hoyerswerda durch die schmalen Schlitze in die Glasbäuche der abgelegten Lebenszeit. Körnchen für Körnchen, Tag für Tag, Woche für Woche und häufen sich zu respektablen Halden auf. Wie viele Monate lebt ein Mittfünfziger wie ich noch? Sagen wir etwa 250-350 Monate. Es wird überschaubar. Wenn ich dann in die „philosophische“ Anschauung meiner unmittelbaren Aufenthalts-Lokalität hinein transzendiere und illuminiere, schaue ich jeden einzelnen, dem ich begegne, staunend an, und frage mich: Was machen wir ausgerechnet in diesem Provinznest? Hier in der Lausitz, wo sich die Wölfe Gute Nacht sagen? Es gibt ein Wort, das ich sehr mag. Es heißt „Gesellschaftsvertrag“. Der französische Philosoph Jean- Jacques Rousseau hat darüber mal ein ganzes Buch geschrieben.

Ganz gut fasst das Wort zusammen, worauf ich hinauswill: Wir alle hier gehen miteinander, mehr unbewusst als bewusst, einen Gesellschaftsvertrag ein, versammelt auf einer begrenzten von uns auserwählten Fläche, die sich Hoyerswerda nennt. Was fangen wir miteinander an? Außer, dass wir hier wohnen, unser Geld verdienen, es ausgeben und flüchtig aneinander vorbeihuschen. Was dürfen wir von dieser Stadt erhoffen, von unserem gemeinsamen Lebensmittelpunkt? Was können wir hier die nächsten Jahre tun? Geduldig suche ich nach Hinweisen, Texten, Inschriften, die mir darüber Auskunft geben. Ich suche sozusagen die „Bibel“ der Stadt, ihre „Heilige Schrift“. Ich brauch so was.

Und jetzt bin ich bei meinem Knabberknochen, dem Leitbild. Ich kenne nämlich keinen anderen Text, der mir genau darüber besser Auskunft gibt. Mir ist natürlich klar: das Leitbild ist von einer kleinen Gruppe von Menschen ausgedacht worden. Ich tippe, zwischen fünf und zehn Leute haben textlich ernsthaft dran gearbeitet. Und ich schätze, etwa 50 bis 100 Leute haben seine Entwürfe reflektiert und kommentiert, worauf der Text umgeschrieben wurde. Ich nehme auch nicht an, dass es mehr Leute sind, die es überhaupt gelesen haben. 50 bis 100 von ca. 30.000 Hoyerswerdaer Bürgern! Ist das viel? Ist das wenig? Ich weiß es nicht. Zumindest 30 Leute (Stadträte!) haben darüber befunden und es mehrheitlich zum offiziellen Papier, zur gemeinschaftliche Vision der Stadt erhoben. Zum Moralkodex, wie man zusammenleben will, was und wer man hier sein will – als Gemeinschaft, als Bürgerschaft, als Großherde von Leuten, die entschieden haben ihre Lebenszeit auf dieser Fläche und unter diesen Gegebenheiten miteinander zu teilen, sich zu begegnen, sich auszuhalten…

Das Leitbild ist die eine Seite der Münze. Es sagt nur, was man möchte. Nicht, wodurch es Realität wird. Aber auch dazu findet man mittlerweile einen Text, die zweite Seite der Münze, das tabellarische „Handlungsprogramm.“ Hier lässt sich nachlesen, was genau geplant und getan werden soll. Es ist zugleich Zeugnis bürgerschaftlicher Kreativität, die in der Stadt herrscht und die es vermochte als Projektsammlung durch die Filtersysteme der Gremien durchzusickern und sichtbar zu werden. Beides, Leitbild und Handlungsprogramm sind der Gesellschaftsvertrag von Hoyerswerda. Reden wir also demnächst ernsthaft und immer mal wieder darüber. Er ist unser Spiegel. Er zeigt uns und Fremden schonungslos, wer wir als Bürgerschaft sind und was wir tun.

(veröffentlicht in der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt 18./19.11.17)


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