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Georg Seeßlen über den „nomadischen Film“

19.09.2014

Georg Seeßlen: Offensiv Experimentell (30 Keynotes)

„Eine andere Reaktion aber ist es, dieser marktkonformen Dynamik des Filmischen eine künstlerische und soziale Konzeption des sich wandelnden Films entgegenzusetzen. Das Bewegtbild muss Formen finden, nicht einfach präsentiert zu werden, in bestimmten Räumen und unter bestimmten Bedingen präsentiert zu werden, sondern auch auf seine Umwelt zu reagieren. Filmkunst und Kunstfilm haben die neuen technologischen Möglichkeiten der Bewegtbilder bislang entweder elitär ignoriert oder in einem eher formal experimentellen Kontext erprobt. Nun wird es Zeit, aus Filmen nicht nur ästhetisch sondern auch sozial offene Kunstwerke zu machen.“ (6)

„Nicht die Quantität des Publikums ist entscheidend, sondern seine „Bewegtheit“. Ein einziger bewegter Zuschauer wiegt mehr als einhundert Tausend unbeweglich gemachte Zuschauer.“ (12)

„Ein nomadischer Film finanziert sich, während er entsteht, er entsteht vor aller Augen, und er ist nicht „fertig“. Er finanziert sich durch die Spuren, die er in der Öffentlichkeit hinterlässt, nicht durch einen Finanzierungsplan, nicht durch das quantifizierte Publikum. Er ist das Kunstwerk, das unter der Beteiligung seiner Adressaten entsteht, es durchquert verschiedene, auch widersprüchliche Räume. Er sammelt in seiner Entstehung Geld ein, wie es ein Gaukler bei seinen Auftritten tut, und er sondert Elemente ab, die sich auf diversen Märkten und Gegen-Märkten realisieren.“ (13)

„Jeder Kunstraum muss dem nomadischen Film geöffnet sein. Ebenso jeder Diskurs-Raum von Kritik und Wissenschaft. Die Filmwissenschaft in Deutschland arbeitet zu viel in die Vergangenheit hinein und viel zu wenig in die Zukunft. Die entsprechenden Segmente sollen nicht nur über die Zukunft des Bewegtbildes nachdenken, sondern auch eine Abspielstätte, eine „Etappe“ werden. Was einst studentische Filmclubs waren, könnten für den nomadischen Film „Oasen“ werden für das Experiment neuer Produktions- und Distributionsweisen, für die Begegnung von Kunst und Theorie. (19)

„Die Künstler müssen aufhören, sich nur in ihren jeweiligen Szenen und politischen Ökonomien zu bewegen (…) sie müssen erkennen, dass sie ein gemeinsames Projekt haben: Die Rückkehr zu ihren eigentlichen Adressaten, die Rückkehr aus den ökonomischen in die politischen Räume, die Rückkehr der Kunst in den öffentlichen Raum. Die Rückkehr der Kunst vom Markt in die Gesellschaft! (24)

Hier sind alle Keynotes nachzulesen…


„Fenster zum Sommer“ (2011) – Schicksals-Mathematik

24.09.2013

Eine originelle Konstruktion. Die Zukunft erleben und dann die Gegenwart noch einmal durchmachen müssen – als kleine Zeitschleife – bis zum entscheidenden Moment. Hautfigur Juliane (Nina Hoss) erlebt den Tod der Freundin Emily (Fritzi Haberland), die als alleinerziehende Mutter einen kleinen Jungen hinterließ. Und sie lernt (die eigentlich liiert ist) ihren künftigen Geliebten August (Mark Waschke) kennen.

Zurück versetzt in die Gegenwart, was für Juliane die „Vergangenheit“ ist, begreift sie: Hier wiederholt sich noch einmal mein Leben. Nun will sie (natürlich) die „Zukunft“, die sie kennt, anders haben. Erstens den Tod der Freundin verhindern. Zweitens den neuen Geliebten kennen lernen. Kurzum: Es gelingt, das Leben der Freundin zu retten – aber nur für kurze, befristete Zeit. Wenig später ist die doch tot und ihr Sohn ohne Mutter. Den künftigen Geliebten „rettet“ sich Juliane jedoch über die neuen Verwicklungen, wenn auch verspätet.

Der Ausgang ist wie der Anfang: Die beste Freundin tot, der kleine Sohn ohne Mutter, ein neuer Geliebter steht zur Verfügung. Die entscheidenden Schicksalsresultate sind erneut eingetreten, zeitlich etwas verschoben. Der Zuschauer hat eine Variante gesehen wie es dazu kam. Die Hauptfigur hat eine zweite Schicksals-Variante erlebt, deren erste Auflage wir als Zuschauer nicht kennen, sondern nur die Hauptfigur.

Worum geht es dann also in dieser Geschichte eigentlich? Was wird hier „untergründig“ verhandelt? Der Kampf zweier sich ausschließender Ereignisse zeitigt in seiner Wiederholung das gleiche Resultat (oder dasselbe?). Das unveränderliche Schicksal des „falschen Zeitpunkts“? Das Risiko, das man eingeht, wenn man das eine „Feststehende“ (Tod der Freundin + zurückbleibender Sohn) verändern, das andere „Feststehende“ (einen neuen Geliebten finden) jedoch behalten will?

Der Verlauf der Ereignisse ist so organisiert, dass es möglich erscheint: Freundin bleibt am Leben – doch neuer Geliebter wird nicht kennen gelernt. Und es erscheint möglich: Freundin tot  und – als Strafe für den Eingriff – neuer Geliebter nicht kennen gelernt. Halbiertes Pech. Ganzes Pech.

Wie gesagt, die dramaturgische Gleichung dieses Films entscheidet hier: Anfang=Ausgang. Zukunft lässt sich nicht ändern. Vermutlich liegt hierin das, und jetzt kommen wir auf den Punkt, was mich enttäuscht. Ein Film über den unveränderlichen „falschen Zeitpunkt“. Der Mensch als Objekt des Schicksals. Fatal. Der finale geistige wie emotionale „Knack“ der Geschichte – übersetzen wir es mal so: Schulterzucken. Die Kino-Vergrößerung schrumpft wieder auf eine Alltags-Verkleinerung zurück. Eine Verkleinerung, die kleiner als der Alltag ist.

Der Kampf zweier sich ausschließender Ereignisse könnte aber auch dramaturgisch anders gedacht werden (das sei hier erlaubt). Dass Juliane im vorliegenden Fall beide Ereignisse zu ihren Gunsten gestalten will ist verständlich. Was aber, wenn man ihr das „dramaturgisch“ verwehrt. Und ihr Kampf nicht darum ginge, beides zu bekommen, sondern sich für eines entscheiden zu müssen? (Dilemma.) Verhandelt würde dann: Der Kampf um den Verzicht. Verzichte ich auf den neuen Geliebten und rette dadurch die Freundin? Oder: Verzichte ich auf die Freundin und gewinne dadurch einen neuen Geliebten? Was ist mehr wert? Die Freundschaft oder die neue Liebe?

Der didaktisch-dialektische Zufall darf dann im Finale je nach moralischem Lichtgrad belohnen, bestrafen oder melancholisieren: Dann gibt es für Juliane beides nicht (wenn sie sich gegen die Freundin entscheidet). Oder es gibt beides (wenn sie sich für die Freundin entscheidet). Oder es gibt eben nur das eine für das Juliane sich entschied. Und als Preis dafür das Leid daran, gegen das sie sich entschied. Kurzum, die Vorführung der simplen dramaturgische Mathematik des Dilemmas und seiner Auflösung, in aller tragi-komischer Schärfe: „Entweder-oder“, „Weder-noch“ „Sowohl- als-auch“.

Im vorliegenden Fall hat man sich vermutlich etwas verrechnet. Oder die Variablen vergessen „auszufüllen“. Woher sonst dieses finale Unbehagen?

Eines vertröstet jedoch. Man kann sehen, was wunderbare Schauspieler (Hoss, Haberlandt, Waschke) wegtragen können: Einen tollen Einfall und eine durchschnittliche Durchführung des Einfalls.

„Fenster zum Sommer“ (2011; R: Hendrik Handloegten, B: Hendrik Handloegten, nach einem Roman von Hannelore Valencak. Hier… die Filmseite.


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