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Lektüre Bernhard Schlink: Johann Sebastian Bach auf Rügen

03.02.2014

Ein Mann will endlich mal all die unbesprochenen Dinge bereden mit seinem 82-jährigen Vater, den er und seine Schwester als Erwachsene kaum erlebten. Er organisiert eine Reise auf die Insel Rügen. Der Vater mag das Meer. Auf der Insel findet ein Bach-Musikfestival statt. Der Vater mag Bach. Doch vergeblich, außer zu Bachs Werken äußert sich der Vater kaum. Der Sohn gibt auf, keine Fragen mehr an den Vater. Auf der schweigsamen Rückreise überrascht sie ein Gewitter. Sie warten unter einer Brücke die Schütte ab. Und hören Bach-Mottete. „Du bist mein, weil ich dich fasse und dich nicht, oh mein Licht, aus dem Herzen lasse.“ Und schließlich: „Wir sind wie das Gras, eine Blume, fallendes Laub, so der Wind drüber weht, ist es nicht mehr da.“ Der Sohn erlebt seinen schweigenden Vater, den Bach-Kenner, weinend neben sich. Und begreift – irgendwie – wer sein Vater ist. Wer er jetzt ist. „Hatten ihn seine Kinder mit ihren Wandlungen, ihren Irrungen und ihrem Aufbegehren so traurig gemacht, dass er sie nicht sehen mochte? ‚Schade, dass sie größer werden‘, hatte sein Vater zu seiner Tochter gesagt, als er ihre zweijährigen Zwillinge bei Mutters siebzigsten Geburtstag kennen lernte.'“ Lange auf die falsche Sprache gesetzt, um sich den ‚alten Herrn‘ in die eigne Sprache zu übersetzen.


Lektüre Bernhard Schlink: „Reise in den Süden“

01.11.2013

„Der Tag, an dem sie aufhörte ihre Kinder zu lieben, war nicht anders als andere Tage. Eine alte Frau wendet sich an ihrem Geburtstag genervt von ihren Kindern (4 Stück) und Enkeln (13 Stück) ab. Was den Anlass gibt ist Zeitungsfoto, auf dem sie ihren Ex-Ehemann Helmut mit seiner neuen Frau und ihren Kindern+Enkeln entdeckt – anlässlich seines Geburtstages. Das tut weh, da sie das eigene Leben „pflichtgemäß“ geführt hatte, den Bedürfnissen anderer untergeordnet. „Liebe ist keine Sache des Gefühls, sondern des Willens,“ hatte sie von der Mutter gelernt. Sinn, der plötzlich verdampft angesichts der Erkenntnis eines nicht richtig gelebten Lebens? Ärger, der sich verhärtet in Bitterkeit. Unmut gegenüber den lebensroutinierten Kindern, dem glücklichen Ex-Ehemann.

Da folgt sie einem Impuls und reist sie, begleitet von einer Enkelin, die von der Familie zu Dauerbetreuung abgestellt und bezahlt wird, in die Stadt ihrer Jugend, wo sie einst von ihrer großen Liebe verlassen wurde. Die Enttäuschung ihres Lebens. Dank der Enkelin findet sie den damaligen Geliebten – einen einarmigen Mann, Adalbert. Damals ein wunderbarer Tänzer, Philosophie-Student. („Ich bin sicher, dass er dich ebenso geliebt hat wie du ihn. Kennst du den Spruch: ‚Now, if not forever, is sometimes better than never‘?“) Adalbert lebt nun als Witwer, seine etwas autistische Tochter in den USA. „Ich habe mal darüber geschrieben, dass die großen Lebensentscheidungen nicht richtig oder falsch sind, dass man nur verschiedene Leben lebt. Nein, ich denke nicht dass dein Leben schief gelaufen ist.“

Doch es kommt noch dicker. Nicht er hatte sie verlassen, sondern sie ihn. Sie hatte es verdrängt, wie es „wirklich“ war. Und so kommt zurück, was damals geschah: „Ich hatte Angst vor dem Leben mit Adalbert, vor der Armut, in der er aufgewachsen war und die ihm nichts ausmachte, vor seinen Gedanken, die ich nicht verstand, vor dem Bruch mit meinen Eltern. Helmut war meine Welt, und ich bin in meine Welt geflüchtet.“ Und weiter: „Als ich in meiner alten Welt und mit Helmut nicht glücklich wurde, habe ich Adalbert nicht verziehen, dass er meine Ängste nicht gesehen und mir nicht geholfen, mich nicht gehalten hat. Ich habe mich von ihm verlassen gefühlt, und die Erinnerung hat alles in die Szene gefasst, als er auf dem Bahnsteig Abschied genommen hat.“

Was für eine große Verkennung! Eine Umschreiben von Geschehen in eine erträglichere Wahrheit. Die Enttäuschung über ihre Ehe mit Helmut, die nun auch noch aufgeladen wurde mit der Enttäuschung über Adalbert. Frachtverkehr. Unkenntlich, was man selbst eigentlich wollte. Und unkenntlich die eigene Angst, der man sich nicht gestellt hat. Eine klassische Geschichte vom Bedürfnis abgewandtem Lebens.


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